Badisches Tagblatt, 25. April 2018

Auch als Profi lerne ich in Ötigheim jeden Tag dazu

Jeden Tag lerne ich hier noch etwas dazu: Für Olga Knack ist ihre Arbeit in der Schneiderei der Volksschauspiele Ötigheim keine lästige Pflicht, sondern ein Geschenk, wie sie es selbst beschreibt. Dabei sollte man eigentlich meinen, dass die studierte Kostümbildnerin und Gewandmeisterin nicht mehr viel dazuzulernen hätte. Aber ihr Metier sei eben ein so weites Feld, dass man eigentlich nie ganz ausgelernt hat.

Normalerweise arbeitet die Freiberuflerin eher selten mit ambitionierten Theateramateuren wie im Telldorf zusammen, sondern mit Berufsschauspielern oder -opernsängern. Unter anderem hat sie schon für die Bayreuther Festspiele gearbeitet, war einige Jahre am Theater Baden-Baden angestellt, wirkt regelmäßig bei großen Fernsehproduktionen wie den Tatort-Krimis des SWR mit und hat bei Filmen wie Das Kalte Herz und Lou Andreas-Salomé die Kostümberatung übernommen.

Gelernt hat Olga Knack ihren Beruf noch in ihrer alten Heimat: in Moskau. Nach dem Ende des Studiums war sie einige Zeit unter anderem als Modedesignerin tätig. Doch es zog sie ans Theater. Ein Praktikum führte die junge Frau an die Oper in Straßburg. Heute lebt sie in Baden-Baden, hat aber wenig Kontakt zu ihren Landsleuten dort, wie sie berichtet. Seit rund zehn Jahren ist sie Freiberuflerin. Auch im Bereich Kindertheater ist die Gewandmeisterin tätig. Was sie an der Bühne besonders interessiert? Die Arbeit hinter den Kulissen: Das ist ja das eigentliche Theater.

In Ötigheim leitet sie seit November die Schneiderei mit drei weiteren Mitarbeiterinnen. Das familiäre Miteinander bei den Volksschauspielen habe sie gleich angesteckt. Und das glaubt man ihr sofort. Am Tag der Kostümausgabe für das Hauptstück Der Vogelhändler ist sie mit den vielen Akteuren schnell per Du. Und es kommen wirklich sehr viele Sänger und Statisten zur Anprobe. Leider habe ich nicht aufgeschrieben, wie viele Meter Stoff wir verarbeitet haben.

Rudi Wild, Vorstandsmitglied der Volksschauspiele und zuständig für den Spielbetrieb, hat bei der Kostümausgabe die organisatorischen Fäden in der Hand: Großer Chor, Junger Chor, die Verstärkung vom Männergesangverein und vom Karlsruher Staatstheater und natürlich das Volk. Summa summarum werden beim Schlussapplaus rund 380 Mitwirkende auf der Freilichtbühne stehen. Dementsprechend groß ist das Gewusel bei der Kostümausgabe. Aber Rudi Wild führt genau Buch über jeden Rock, jedes Mieder, jede Bluse. Nach der Saison geben die Mitwirkenden ihr Kostüm dann zurück. Gewaschen, versteht sich.

Die Rollenträger haben natürlich eigene Anprobetermine, denn ihre Kostüme sind Einzelanfertigungen, erklärt Olga Knack. Entworfen hat die Gewänder Kostümbildner Peter Sommerer, Ausführende sind die Schneiderinnen um Olga Knack. Und wie es aussieht, klappt die Zusammenarbeit. Jedenfalls lassen sich die Kostüme, die da an den Stangen hängen, sehen. Fesche Uniformen, rauschende Roben, zünftige Trachten, die in der Operette Der Vogelhändler Zeitkolorit versprühen sollen: Die Theaterfreunde jedenfalls dürfen auf die Premiere am Samstag, 16. Juni, und die folgenden Vorstellungen gespannt sein. (Sebastian Linkenheil)

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