Badisches Tagblatt, 12. November 2018

Ötigheimer Nachwuchs brilliert

In Sachen Schauspiel- und Sprechkunst war Stückwerk II am Wochenende im Tellplatz-Casino ein erstklassig imposantes Resümee dessen, was die Jungakteure des Ötigheimer Theatervereins von Staatsschauspieler Sebastian Kreutz gelernt hatten. Es war zudem ein Schaulaufen exzellenter junger Akteure, mit deren großem Talent die Volksschauspiele Ötigheim stolz und getrost die weitere Zukunft der Amateurbühne gestalten dürfen. Dem Hammerabend und seinen Machern sei zu allererst ein riesiges Kompliment ausgesprochen. Stückwerk II war genial. Ganz klar trug das Werk die unverkennbare Handschrift von Sebastian Kreutz. Aber das, was Kreutz als Akteur professionell auf der Bühne umsetzt, muss man sich als junger Amateur erst einmal trauen. Die VSÖ-Jugend traute sich viel, legte sich extrovertiert und ausdrucksstark ins Zeug, setzte zahllose mimische und sprachliche Glanzpunkte. Überzogene Aktionen und Grimassen waren taktisch bestens platziert. Der Abend strotzte vor emotionaler Authentizität und schauspielerischem Feuer. Die Texte servierte man in Prosa und in Reimen derart eindringlich, dass Gänsehaut beim Publikum unabdingbar war. Besonders eindrucksvoll spielten Anna Beckert als Eva Braun im Führerbunker (Die Banalität des Bösen von Christine Brückner) sowie Lucy Schindele mit ihrer intensiven Wiedergabe von Patrick Süskinds Der Zwang zur Tiefe. Räumlich überschritt Stückwerk II alle Grenzen des bisher Dagewesenen im Theaterwinter, denn das gesamte Tellplatz-Casino geriet zur Bühne. Die Schauspieler rissen mit der leidenschaftlichen Interaktion sämtliche unsichtbaren Barrieren zwischen Bühne und Auditorium ein. Den bombastischen Einstieg des Abends gestalteten Eva Beckert und Mara Patzelt mit ausgewählten Versen aus Wilhelm Buschs Die fromme Helene. Mafalda Kühn warb mitreißend für Eckige Kinder (Georg Danzer). Madeleine Kühne beichtete nach den Worten von Kurt Tucholsky als Lottchen einen Seitensprung mit ihrem Liebhaber. Nach der Pause entführte eine gekürzte Fassung von Molières Der Menschenfeind in einer Übersetzung von Hans Magnus Enzensberger in die Schickimicki-Gesellschaft. Alle Darsteller aus Stückwerk II sind im kommenden Theatersommer in guten Rollen untergebracht, wie am Rand der Veranstaltung zu erfahren war. (Manuela Behrendt)

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