Badisches Tagblatt, 19. Juni 2017

Ötigheim würdigt den hitzigen Reformator

Verzweiflung macht den Mönch. Das sagt Johann von Staupitz, Generalvikar jenes Wittenberger Augustinerklosters, in dem im Sommer 1511 der von Ängsten und Unsicherheit gepeinigte, um den rechten Sinn seines Lebens und seiner Kirche ringende Martinus Luther lebt. Diese Zweifel, die den Reformator sein Leben lang begleiten werden, stehen im Mittelpunkt des Schauspiels „Luther“, das der erfolgreiche Theater- und TV-Autor Felix Mitterer als Auftragswerk der Freilichtbühne Ötigheim geschrieben hat. Die dem christlichen Glauben verpflichteten, vor 111 Jahren gegründeten Volksschauspiele würdigen damit das große Jubiläum des Jahres, den Beginn der Reformation vor 500 Jahren, angestoßen durch Martin Luther. Würdenträger beider Konfessionen haben gestern die offizielle Premiere des Auftaktstücks im Ötigheimer Theatersommer besucht, eine Vorpremiere gab es bereits am Samstagabend.Felix Mitterer siedelt sein Stück in der Zeit zwischen 1505 und 1525 an. In 23 Szenen, die meist fließend ineinander übergehen, schildert er wichtige Episoden aus dem Leben des Reformators, beginnend mit dem Gelübde, Mönch zu werden, und endend mit seinem Entsetzen über die vielen Opfer des Bauernkriegs. Diese Bauern haben sich auch auf die von Luther verkündete Freiheit des Christenmenschen berufen. Die letzte Szene ist eine der eindrücklichsten des Stücks, wenn Luther gebrochen über das von Toten übersäte Schlachtfeld geht und feststellt, dass Prediger die größten Totschläger seien.

Mit den teils schwierigen Texten und einer Überfülle an Details ist das Stück ein harter Brocken. Die Szenenfolge ist fast dokumentarisch angelegt und enthält schwer erkennbare Zeitsprünge. Thesenanschlag, Bannandrohung, Reichstag zu Worms, Bibelübersetzung auf der Wartburg – es geht Schlag auf Schlag. Ein durchgehender Spannungsbogen fehlt. Die Straffung der fast dreieinhalbstündigen Spieldauer wäre von Vorteil gewesen.

Regisseurin Rebekka Stanzel, die auf der Ötigheimer Naturbühne bereits Umberto Ecos „Der Name der Rose“ inszenierte, nutzt auch jetzt wieder alle Vorteile, die diese einzigartige Bühne und ihr engagiertes Ensemble bieten: Große Volksszenen mit Gauklern und Feuerschluckern, dazu Reiter und Pferdekutschen, Kanonendonner, Posaunisten auf den Zinnen, Chöre und Tänze – es ist alles da, was man in Ötigheim erwartet. Die Bühnenmusik wird live gespielt, Hans Peter Reutter hat sie in einem gewagten Stilmix aus zeittypischen Klängen und heutiger Musik komponiert. Instrumentalensemble und Chöre werden vom Musikalischen Leiter der Volksschauspiele, Ulrich Wagner, mit Leidenschaft und Souveränität geführt.

Der Zuschauer erlebt in diesem Stück die Zeit Luthers hautnah. Es ist eine zweigeteilte Welt, in der Adel und Kirchenfürsten prassen und das Volk mit Steuern und Zöllen auspressen. Die höchsten Positionen in Kirche und Staat werden unter der Hand ausgehandelt, die deutsche Kaiserwahl ist eine Auktion – wer am meisten bietet, kauft den Zuschlag, heißt es einmal.
Das Geschehen erfordert enorm viele Rollenträger. Hier beweisen sich einmal mehr die bewährten Ötigheimer Darsteller wie etwa Martin Kühn in der Rolle des einflussreichen Jakob Fugger, Matthias Götz als skrupelloser Ablasshändler, Paul Maier als vorsichtig taktierender Kardinal Cajetan, Roman Gallion als eigenständig denkender Kurfürst Friedrich, Johannes Kühn als allzu genussfreudiger Albrecht von Brandenburg oder Stefan Hunkler als geifernder päpstlicher Nuntius.

Zu Luthers engsten Gefährten zählen David Kühn als frei redender Bodenstein, Lukas Tüg als Melanchthon und Stefan Brkic als Spalatin, der zwischen dem Reformator und dem schützenden Kurfürsten die Verbindung hält. Kurt Tüg gibt den väterlichen Abt Staupitz mit ruhiger Würde. Tobias Kleinhans spielt den Thomas Müntzer. In den gut herausgearbeiteten Szenen mit Hans-Peter Mauterer als Luthers brutal prügelndem Vater werden auch persönliche Beweggründe des Reformators deutlich. Spät erst lernt er Katharina von Bora kennen (Anna Hug) – die Spielszenen mit der pragmatischen Ex-Nonne zählen zu den heiteren Momenten in diesem Lebensbogen.Für die Titelrolle hat Ötigheim den Schauspieler Simon David Grossenbacher ins Team geholt. Sein Luther ist kein lauter Held, sondern tatsächlich jenes zarte „Mönchlein“, das einen schweren Gang geht – zäh, mutig, mit hitzigem Temperament. Grossenbacher setzt auf differenzierte, oft leise Töne, was auf der riesigen Bühne nicht immer eine durchschlagende Wirkung erzielt. Der lange Abend der Vorpremiere wurde mit Applaus und Bravos für den Hauptdarsteller gewürdigt. (Sabine Rahner)

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