Pforzheimer Zeitung, 13. Juni 2016

Ötigheim eröffnet seine Jubiläumssaison mit Les Misérables

Die Verantwortlichen der Volksschauspiele Ötigheim müssen einen besonders guten Draht nach oben haben. Entgegen aller Prognosen blieben bei der Premiere von Les Misérables die angekündigten Regenschauer aus und Bühne sowie Schauspieler trocken.

Noch kurz vor dem Start der ersten Aufführung in der diesjährigen Spielzeit – mit der auch das 110-jährige Bestehen der Volksschauspiele gefeiert wird – waren rund um die größte Freilichtbühne der Republik heftige Regenfälle niedergegangen, und nicht wenige der Besucher, die Karten für die Premiere hatten, fürchteten, die Aufführung des Schauspiels nach dem gleichnamigen Roman von Victor Hugo könne regelrecht ins Wasser fallen. Doch mitnichten: Zeitweise prangte über der Spielstätte gar blauer Himmel, der mit Einbruch der Dunkelheit zwar zunehmend bewölkter wurde – die ersten Tropfen fielen aber erst nach dem donnernden Schlussapplaus, mit dem die Darsteller für ihre bemerkenswerte Leistung belohnt wurden.

Knapp drei Stunden dauert das von Peter Lüdi inszenierte Stück nach dem fünfteiligen Roman Les Misérables (Die Elenden) von Victor Hugo, zu dem Lüdi auch den Text verfasst hat. Auch die von Hans Peter Reutter für die Inszenierung geschriebene Musik – eingespielt von der Philharmonie Baden-Baden – war erstmals öffentlich vor großem Publikum zu hören. Etwas komprimierter und konzentrierter könnte die Inszenierung allerdings noch an Gewicht gewinnen, denn die knapp 180 Minuten Aufführungszeit sind – trotz wunderbarer Kulisse und sehenswertem Spiel – einfach zu viel für das, was da in neuer Form spielerisch erzählt wird.

Im Zentrum der Handlung des von Victor Hugo 1862 im Exil beendeten Romans stehen die Pariser Juniaufstände im Jahr 1832, die mit eindrucksvollen Bildern dargestellt werden. Dabei stehen Jean Valjean, der in jungen Jahren wegen eines Brotdiebstahls zu mehrjährigem Galeerendienst verurteilt wurde, nach zahlreichen Fluchtversuchen und seiner Freilassung knapp zwei Jahrzehnte später mit neuer Identität eine steile Karriere als Bürgermeister und Unternehmer macht, sowie der Galeerenaufseher und spätere Polizeiinspektor Javert im Mittelpunkt der Handlung. Immer wieder begegnen sich Valjean und Javert, immer wieder trifft das unbändige Verlangen nach Freiheit und Gerechtigkeit Valjeans auf den Staatsgehorsam Javerts, dessen höchstes Ziel es ist, für Recht und Ordnung, nach Lesart der Obrigkeit, zu sorgen. Die Geschichte, in der es um Moral, Recht und Gerechtigkeit aber auch um Gewissensfragen, Schuld und Sühne geht, erzählt Lüdi vor der eindrucksvollen Kulisse der Freilichtbühne in 24 Szenen mit imposanten Bildern – begleitet von akustischen Impressionen, bei denen die vielstimmigen Chordarbietungen und die Orchestermusik mitunter nicht immer ganz im Einklang sind.

Bleibende Eindrücke hinterlassen mit ihrem Spiel freilich nicht nur Martin Kühn als Jean Valjean und Matthias Götz als Javert sowie viele der anderen Darsteller, die in mehr oder minder großen Rollen zu erleben sind. Vor allem Schauspieler Sebastian Kreutz (Monsieur Thénadier), einer der wenigen Profis im Kreis der vielen Amateurdarsteller, sowie Sabine Speck als dessen Gattin setzen gekonnt humorvolle Akzente. Wenngleich man sich manchmal – trotz brillanter Darstellung – etwas weniger Komik in dem sonst so ernsten Stück wünschen würde.

Gelungen in den komischen Momenten aber sicher die Bezüge zur Gegenwart in dem sonst eher klassisch im Stil der Mantel- und Degenfilme inszenierten Stück. Nicht zuletzt der türkische Staatspräsident Erdogan und die AfD bekommen so am Rande ihr Fett ab, was nicht nur mit vielen Lachern, sondern auch Applaus quittiert wird. (Ralf Recklies)

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