Badische Neueste Nachrichten, 10 ;Juni 2017

Neuer Blick auf den Reformator

Der 111. Theatersommer in Ötigheim startet passend zum 500-jährigen Reformationsjubiläum mit dem Schauspiel „Luther“ (Foto: Jochen Klenk). Rebekka Stanzel hat die Regie übernommen und freut sich auf eine große Herausforderung: Meine Sicht auf Martin Luther hat sich während der Vorbereitungszeit auf dieses Stück verändert, berichtet sie und fügt hinzu: War Luther nicht nur für mich bisher ein kultureller Leuchtturm, ist er jetzt viel menschlicher geworden. Insgesamt umfasst das von Felix Mitterer für die Volksschauspiele geschriebene Stück einen Zeitraum von 20 Jahren. Los geht es 1505 mit Luthers Entscheidung nach einem Unwetter, das er knapp überlebt, ins Kloster einzutreten. In insgesamt 23 Bildern, die teilweise fließend ineinander übergehen, werden unter anderem der Anschlag der 95 Thesen 1517 in Wittenberg und die Entführung Luthers auf die Wartburg gezeigt.
Gespielt wird Luther mit einem Live-Orchester unter der Leitung von Ulrich Wagner: Die Stilmittel des 16. Jahrhunderts dienen als Basis, um die Besucher rund 500 Jahre zurückzuversetzen, berichtet er. Dabei dürfen auch klassische Luther-Choräle wie Eine feste Burg ist unser Gott nicht fehlen. Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther seine 95 Thesen an der Wittenberger Schlosskirche und läutete unwissentlich eine Rebellion ein. Auf der Suche nach einem Gott, der die Menschen nicht nur strafend mit dem Fegefeuer bedroht, sondern auch gütig und tröstend für jeden Einzelnen persönlich erreichbar ist, wurde Luther zum Sinnbild der Reformation.
Werner Sachsenmaier, bis Oktober vergangenen Jahres geschäftsführender Vorstand des Theatervereins, sagt: Die Volksschauspiele Ötigheim verstehen sich in der Tradition ihres Gründers Josef Saiers als christliches Theater. Als solches kann uns die Entstehung der Verlauf der Reformation nicht gleichgültig sein. Es ist unser Auftrag, uns künstlerisch mit der Thematik zu beschäftigen. Das Reformationsjahr 2017 war uns daher Anlass, ein Stück über den großen Reformator Martin Luther in Auftrag zu geben. Der Startschuss zum Projekt Luther fiel bereits vor vier Jahren. Beauftragt wurde der etablierte Volksstück-Schreiber Felix Mitterer. Feinsinnig zeichnet er in seinem Schauspiel Luthers Weg von der Abkehr von seinem Elternhaus, über den Anschlag der Thesen, bis hin zu seiner Hochzeit mit Katharina von Bora und den Bauernkriegen 1525 nach.
Regisseurin Rebekka Stanzel freut sich, mit den Volksschauspielen auf eine Reise zu gehen, die uns auf die Spur nur vermeintlich ferner Ereignisse setzt. Denn so sehr all das lang vorbei scheint, so ähneln sich doch viele Strukturen: Von der großen Unsicherheit, die erst die Atmosphäre für Aufstände schuf, bis zu den oft so fadenscheinigen Manövern auf allen Ebenen der Macht. (Stephan Friedrich)

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