Badisches Tagblatt, 7. August 2018

Augen auf beim neckischen Liebeszauber

Dass Liebe blind machen kann und in diesem Zustand manche Eselei verübt wird, war schon zu William Shakespeares Zeiten ein alter Theater-Hut. Aus dem gängigen Verwirrspiel um Gefühle und Triebe hat der englische Super-Klassiker eine traumhafte Komödie geschaffen, die als Sommernachtstraum zu den Dauerbrennern gerade auf Freilichtbühnen zählt. Jetzt sind Oberon & Co. bei den Volksschauspielen Ötigheim angekommen – und wieder wirkt der Zauber dieses flotten Klassikers, dem Regisseur Thomas Höhne ein bewusst zeitgemäßes Ambiente verpasst.

 

Während sich das geisterhafte Herrscherpaar Oberon und Titania samt Puck und Elfenschar in zauberhaften Kostümen (Ulrike Weißbecher) im Märchenwald (Bühne: Bettina Scholzen) tummeln darf, agieren die Liebespaare und Handwerker im modernen Look, Amazonenkönigin Hippolyta gar in Lack und Leder. Auch die heimlichen Stars der Ötigheimer Schauspiele, die Pferde, bleiben diesmal im Stall: Herzog Theseus unterstreicht seine Heerführer-Qualitäten am Steuer eines Militärjeeps, die theaterbegeisterten Handwerker sind mit dem Radl da und sausen – begleitet vom Beifall des Publikums – sportlich über die Szene. Überhaupt verlangt Thomas Höhne von seinen Darstellern einiges an Kondition, denn irgendjemand rennt eigentlich immer jemand anderem hinterher, was bei den Ausmaßen der Freilichtbühne ganz schön anstrengend ist. So bleibt beim Sport einiges an textlichen Feinheiten auf der Strecke. Ein hübscher Gag gelingt Höhne mit dem „dreifachen“ Puck: Sarah Becker, Anna Beckert und Mandeleine Kühn teilen sich die Rolle des süßen Kobolds, der mit seiner falschen Dosierung der magischen Augentropfen das Liebeschaos erst so richtig in Schwung bringt.

 

Zur Orientierung: Oberon hat wegen eines Lustknaben und anderer Verfehlungen Krach mit Titania. Um die Gattin zu bestrafen, lässt er von Puck die von Amors Pfeil getränkten Blütentropfen besorgen und appliziert sie der schlafenden Titania. Sobald sie die Augen öffnet, wird sie sich in das Gegenüber verlieben – egal, wer und was es ist.

Soweit das Treiben im Märchenwald. Bei den Menschen bahnt sich großes Drama an: Theseus, Herzog von Athen, bereitet seine Heirat mit der eher unwilligen Amazonenkönigin Hippolyta vor. Genervt hört er Egeus‘ Klage über seine ungehorsame Tochter an. Hermia soll Demetrius heiraten, will aber Lysander. Ihre Freundin Helena wiederum hat sich in Demetrius verguckt, der sie ablehnt. Der Herzog setzt Hermia eine Frist von vier Tagen, in denen sie sich entscheiden soll: Demetrius oder Kloster.

Lysander und Hermia beschließen ihre Flucht, Demetrius und Helena verfolgen sie. Die Hochzeitsvorbereitungen versetzen die kleine Handwerker-Laienschar in Lampenfieber: Die Gesellschaft soll mit der Tragödie von „Pyramus und Thisbe“ beeindruckt werden. Geprobt wird im Wald an der Herzogseiche in unmittelbarer nähe von Titanias Ruheplatz. Auch die Wege von Hermia, Helena, Lysander und Demetrius kreuzen sich hier, was Puck zu Höchstleistungen auflaufen lässt: Weber Nikolas Zettel, Superstar der Laienspieler, bekommt von Puck einen Eselskopf, der seine Mitspieler vergrault und Titania vor Liebe erglühen lässt, als sie ihn beim Aufwachen erblickt. Der Wagnersche Venusberg ist eine müde Angelegenheit gegen die geballte Verführungskraft der luftigen Damenwelt.

Da Puck auch die beiden Kampfhähne Lysander und Demetrius mit Augentropfen versehen hat, verlieben die sich prompt über kreuz: Demetrius ist plötzlich scharf auf Helena, Lysander aber auch, und Hermia bleibt außen vor. Als die vier Liebenden nach all dem Rumgerenne erschöpft zusammenbrechen, kann Puck im Auftrag des Geisterkönigs die Ordnung wiederherstellen: Helena bekommt ihren Demetrius, Hermia ihren Lysander, Titania und Oberon versöhnen sich, und beim großen Hochzeitsfest müssen die drei Paare nur noch die sehr eigenwillige Aufführung der Tragödie samt Löwen überstehen, bevor der echte Liebeszauber ins Schloss einzieht.

 

Als einziger Profi im Bunde dominiert Eric van der Zwaag nicht nur aufgrund seiner Krone das Geschehen. In Lissi Hatz hat er allerdings eine ausdrucksstarke Partnerin zur Seite, die ihre Elfenschar souverän beherrscht. Alexander Grünbacher und Ulrike Weißbecher halten sich als Theseus und Hippolyta vornehm zurück, während Hermia (Stephanie Kuhn) und Helena (Leonora Mihajlov) sowie Lysander (Johannes Tüg) und Demetrius (Julian Baumstark) jugendlichen Liebesüberschwang zeigen. Publikumsliebling ist natürlich Paul Hug, der als theaterbesessener Handwerker und als liebestoller Esel einfach umwerfend agiert, ohne seine munteren Kollegen (Roman Gallion, Sven Engel, Lukas Tüg, Felix Hempel und Gerold Baumstark) zu überspielen. Paul Maier gibt den wütenden Vater Egeus im Mafia-Look, Jannik Friedrich hat als Zeremonienmeister Philostrates kein leichtes Amt in diesem Wirrwarr.

Das Premierenpublikum hatte seine helle Freude an diesem Traumerlebnis. (Irene Schröder)

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