Badisches Tagblatt, 17. Mai 2019

Das Geschichtenerzähler darf nicht verloren gehen

Einfach herkommen und Spaß haben; es gibt Tanz, Gesang, Tiere, Gaukler, Pyrotechnik; wir nehmen die Zuschauer mit auf eine Abenteuerreise von Bodenwerder über St. Petersburg nach Konstantinopel und sogar bis auf den Mond, sagt Regisseurin Johanna Schall über ihre Inszenierung von Münchhausen: Sein wahres Leben in 15 Lügengeschichten. Seit April probt sie mit den Akteuren der Volksschauspiele (VSÖ) auf dem Tellplatz.

Johanna Schall nutzt alle Gegebenheiten der Bühne für Auftritte der Darsteller, bespielt jede Fläche; sie holt alles raus, was diese große Bühne hergibt, schwärmt Regieassistentin Luisa Schoenemann. Schall ist beim Proben mit vollem Körpereinsatz am Werk, überträgt mit charmanter Wucht ihre Dynamik auf die Schauspieler. Münchhausen soll in 15 wunderschönen Geschichten mit Schmackes und Humor dem Publikum fern vom Alltagstrott entspannten Theaterspaß bringen. Denn: Das Geschichtenerzählen darf in unserer Welt nicht verloren gehen, sagt Schall über ihre Arbeit. Die VSÖ schöpfen mit der Rollenbesetzung aus dem Vollen, fanden für Akteure jedes Alters geeignete Parts. Der Kostümaufwand sprengt alle bislang da gewesenen Dimensionen. Kostümbildnerin Jenny Schall, die Schwester der Regisseurin, definiert Münchhausens Reisestationen mit einer vorherrschenden Farbe der Gewänder. Gefragt ist zudem der technische Leiter Michael Lerner, denn Spezialeffekte bringen zusätzlich Pfeffer in die pittoreske Komödie, in der ein Schuss Melancholie nicht fehlen darf. Die Abenteuer des Barons, der tatsächlich existierte, erdachte Gottfried August Bürger. Als Drehbuch adaptierte sie Erich Kästner für den 1943 vom Propagandaministerium bei den Filmstudios Babelsberg in Potsdam beauftragten Farbfilm mit Hans Albers in der Titelrolle. Mitten in den düsteren Tagen des Weltkriegs sollte als Mutmacher ein glanzvoller Unterhaltungsfilm her.Im Jahr 2010 richtete Johanna Schall den alten UFA-Streifen als Bühnenproduktion für das Volkstheater in Rostock ein. Jenny Schall besorgte dort das Kostümbild für zwölf Schauspieler und ein Kind; in wechselnden Rollen stellten die Akteure unterschiedliche Personen dar. Nun gehen die Schall-Schwestern, Enkelinnen von Helene Weigel und Bertold Brecht, mit dem Stoff einen Schritt weiter, bringen Münchhausen auf Deutschlands größte Freilichtbühne; aber nicht als Abklatsch des antiken Zelluloidstreifens. Ein Beatboxer ist in der Ötigheimer Version dabei, ebenso ein Hit der Gruppe Queen. Zwar sind die Kostüme der Epoche des Spätbarocks entliehen, doch im Herzen der Inszenierung pulst der eine oder andere zeitgenössische Clou. Erstmals leitet die Regisseurin aus Berlin rund 300 Akteure an. Auf dem Tellplatz fühlt sie sich augenscheinlich wohl. Ihr offenes, geerdetes Naturell passt zu den Ötigheimern. Positiv direkt sei sie in der Zusammenarbeit, wie eine Darstellerin gut gelaunt anmerkt. Die Region kennt Schall allemal gut aus ihrer Staatstheaterzeit in Karlsruhe. Dort arbeitete sie mit Sebastian Kreutz zusammen, mit dem sie nach ihren Engagements im Südwesten Kontakt hielt und der im Sommer den Münchhausen spielt. Premiere ist am 22. Juni. (Manuela Behrendt)

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