Badische Neueste Nachrichten, 10. August 2015

Meinst du, er hat Mozart wirklich vergiftet?

Gerade ist Stanzerl, Mozarts geliebte Ehefrau Constanze, davongerauscht, entrüstet ob des unmoralischen Angebots, das ihr Antonio Salieri unterbreitet hat: Für ein Schäferstündchen mit ihr verschafft er Wolfgang Amadeus eine gut bezahlte Stellung am kaiserlichen Hof in Schönbrunn. In ihrer Entrüstung hat sie die Notenmappe ihres Mannes auf dem Flügel liegen lassen. Eigentlich wollte sie das fachmännische Urteil des kaiserlichen Hofkompositeurs hören. Salieri blättert und aus dem Off werden die Serenaden, Sinfonien oder Klavierkonzerte in wenigen, treffend ausgewählten Takten angespielt, damit auch die Zuschauer nachvollziehen können, warum Salieri erst in Verzückung, dann in tiefste Verzweiflung fällt.

In diesen Minuten ist es still im Theaterrund der Volksschauspiele Ötigheim, trotz der circa 4 000 Besucher. So still, dass selbst Husten geplagte Besucher versuchen, diesen schamhaft zu unterdrücken. Regisseur Peter Lüdi sitzt gebannt da, konzentriert bis in die letzte Faser seines Körpers, ab und zu rückt er die Brille zurecht oder schiebt sie hoch über die Stirn, beugt sich vor, wie um besser zu hören oder neigt den Kopf Richtung Gang, um jedes Detail auf der Bühne verfolgen zu können. Er kann zufrieden sein, ist zufrieden mit dieser Inszenierung, die einigen Abenteuermut bedeutet hat. Denn Amadeus ist ein Stück für Kammertheater, mit recht ausschweifenden Monologen oder Dialogen, relativ wenig Action, ausgenommen Salieris und Mozarts Zornausbrüche. Die Amadeus-Inszenierung in Ötigheim, die am Freitagabend Premiere hatte, lebt denn auch von der Qualität der Protagonisten Salieri, Mozart und Constanze und von der humoristischen Darstellung der wenigen Nebenrollen. Er ist großartig murmelt Peter Lüdi leise und meint damit Sebastian Kreutz, der den Antonio Salieri, den Gegenspieler Mozarts, so anlegt, dass dem Zuschauer dessen Tragik und Verschlagenheit unter die Haut geht. Denn geht es da nicht auch um ein menschliches Grundthema? Hier das Mittelmaß der Vielen, die ackern und sich bemühen um ein erfolgreiches und gewürdigtes Leben, dort das Ausnahmetalent. Schräg, schrill, ordinär, kindisch und tragisch und eben genial, wie durch die Musikeinspielungen immer wieder untermalt wird. Bastian Nold ist der jugendlich frische Gegenspieler, dessen rustikale Späße immer mal wieder Lacher im Zuschauerraum provozieren, die ernste Atmosphäre aufbrechen.

Die gespannte Stille während der Aufführung weicht in der Pause einem vielstimmigen Gemurmel. Einem Bienenstock gleich summt und brummt es durch die hereinbrechende Nacht. Und die Zwischenkommentare sind eindeutig: Tolle Inszenierung, gute Schauspieler, Super! Und natürlich die Frage: Meinst Du, hat er wirklich Mozart vergiftet?. Nach der Pause ist es dunkel geworden, der Blick konzentriert sich nur noch auf die ausgeleuchtete Spielfläche: Jetzt gewinnt das Stück noch einmal an Intensität, der Kammerspielcharakter verstärkt sich und es heißt Bühne frei für den letzten Akt der Tragödie, mit den Schlagworten Freimaurer, Zauberflöte und Requiem überschrieben. Hier verdichtet sich die ganze Tragik des Salieri, der zwar zu Lebzeiten erfolgreich dennoch erkennt, dass ein anderer, Mozart, das kann, was er können möchte. Der als Einziger am Hofe die Vollkommenheit in Mozarts Musik erahnt und um deren Ewigkeit weiß. Und vielleicht auch deswegen dem Gerücht nicht widerspricht, seinen Widersacher vergiftet zu haben, weil er durch diese Verbindung auch Teil an der Ewigkeit hat. Das Lacrimosa erklingt aus dem Off, Mozart ist tot, das Publikum beginnt zu applaudieren, die drei Schlussakkorde sind noch nicht verklungen. Es erhebt sich von den Plätzen, auch Regisseur Peter Lüdi, dessen Bewertung aus der Pause von vielen geteilt wird: Großartig. Auch ein junges Paar ist dieser Meinung und diskutiert lebhaft auf dem Weg zum Parkplatz, noch gefangen in der Szenerie des Erlebten. (Martina Holbein)

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