Badische Neueste Nachrichten, 21. August 2015

Mitten in die Herzen der Fans

Am Ende sind alle glücklich. Die Gesichter strahlen, die Feuerzeuge flammen, die Tablets und Smartphones leuchten. Alle stehen auf und singen mit. Die Zeiten, als Adel Tawil und Ex-Ideal-Frontfrau Annette Humpe noch Vom selben Stern waren und als Pop-Duo Ich + Ich einen Hit nach dem anderen landeten, scheinen zwar vorbei zu sein. Doch auch auf Solopfaden lässt es sich gut wandeln. Auf jeden Fall hätte die Stimmung kaum besser sein können, als Tawil vor rund 3 000 begeisterten Zuschauern sein Debüt auf der Freilichtbühne in Ötigheim gab. Und das ziemlich eindrucksvoll. Für das erste Mal war das richtig heiß. Ihr seid vom selben Stern wie ich, befindet der bärtige Barde mit nordafrikanischen Wurzeln, nachdem er sich knapp zwei Stunden lang ohne Pause quer durch sein Schaffen und mitten in die Herzen seiner Fans gesungen hat. Den Support-Act zum Konzert des 37-Jährigen lieferte zuvor der sympathische Berliner Okan Frei mit rhythmisch-gefühlvollem Deutschpop. Im Publikum sitzen neben Erwachsenen etliche Teenager.

Auf der musikalischen Reise durch sein Leben zeigt sich Tawil, das Stehaufmännchen mit der sanften Stimme, bestens gelaunt. Ein Star zum Anfassen mit schwarz-roter Lederjacke, schwarzen Jeans und weißen Turnschuhen. Ein lockerer und sympathischer Typ, ganz natürlich und ohne Allüren. Ihr seid ein bisschen weit weg. Aber ich komme euch schon nahe, vielleicht zu nahe, verspricht einer, der trotz großer Distanz zwischen Bühne und Tribüne den Kontakt zum Publikum sucht, Hände schüttelt, sich unters Volk mischt oder zusammen mit der kleinen Mia aus der ersten Reihe seinen Hit Stern singt. Das Publikum ist hin und weg. Begleitet wird Tawil von einer exzellenten siebenköpfigen Band, die den Tellplatz rockt. Live-Konzertszenen und optische Effekte auf der Leinwand untermalen zusammen mit einer ausgefeilten Lichtchoreografie wirkungsvoll das Bühnengeschehen. Tawil serviert unter einer riesigen Discokugel nicht nur die Songs seines Debütalbums Lieder von 2014, sondern zur Freude des Publikums auch die Perlen aus Ich + Ich-Zeiten – von Mach dein Licht an über Pflaster bis So soll es bleiben oder Stadt (im Original mit Cassandra Steen, auf der Bühne mit Maria Helmin).

Das Konzert beginnt druckvoll mit dem Opener Herzschrittmacher. Auch wenn sich Tawil als Solokünstler bei gefühlvollen Balladen wie Wenn du liebst oder Kartenhaus treu geblieben ist: Verglichen mit den Ohrwürmer von damals klingen manche Songs aus dem neuen Album mit ihren Rap- und Hip-Hop-Anklängen moderner, rockiger, rhythmischer und urbaner. Premiere feiert Tawils neuer Song Unsere Lieder, entstanden im Zuge seiner Aktion Unsere Lieder werden Eins. Mit Ich will nur, dass du weißt kredenzt er eine Gemeinschaftsarbeit mit dem Berliner Duo SDP.

Als Rapper setzt er zum Aschenflug an, entführt mit Rio Reiser ins Zauberland, beschreibt nach einem hymnischen Der Himmel soll warten im lautstark mitgesungenen Hit Lieder sein Leben anhand von Songs und Künstlern, die ihn prägten. Ja selbst One Minute von 1997 hat er im Gepäck – ein Top Ten- Relikt aus jener Zeit, als sich Tawil noch Kane nannte und Mitglied der Boyband The Boyz war. Keine Frage: Adel Tawil ist bei sich angekommen und irgendwie Zu Hause, als er im gleichnamigen, zusammen mit Reggaemusiker Matisyahu geschriebenen Song die Welt zum Leuchten bringt und dabei die Geschichte von Liebe, Brüderlichkeit und einer Welt ohne Nationen und Vaterländer erzählt. Noch einmal richtig laut wird’s im Zugabenblock, in dem er mit dem perkussiven Beatmonster Graffity Love gemeinsam mit fünf Trommlern eine große, junge und freie Liebe beschreibt, bevor er mit dem Titel Stark einem starken Konzert ein starkes Ende beschert. (Ralf Joachim Kraft)

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