Badisches Tagblatt, 25. August 2016

Mit viel Gefühl und guter Laune

Wer ist das denn jetzt? Conchita Wurst? Miraculix? Erst als Jay Alexander zum Singen ansetzt, wird klar: Er verkörpert Nana Mouskouri. Etwas schwierig zu erkennen, bei dem Bartwuchs, aber logisch, er hält ja weiße Rosen in der Hand ? Etwas eindeutiger ist da schon Marc Marshalls Outfit, obwohl er das Gesichtshaar noch ein ganzes Stück länger trägt. Aber dieser knappe Rock und diese rote Perücke, das kann doch nur Andrea Berg sein. Das Publikum juchzt vor Freude das Ja! Ja! im Refrain von Du hast mich tausendmal belogen. Männer in Frauenkleidern auf der Bühne, das funktioniert einfach immer, besonders bei zwei so maskulinen Exemplaren wie Marshall & Alexander.

Beim Ersten von drei Konzerten auf der Ötigheimer Freilichtbühne spannen sie geschickt den musikalischen Bogen von wow über wundervoll bis wahnsinnig. Der laue Sommerabend steht unter dem Motto „Die schönsten Liebeslieder – Love Songs Forever“ und widmet sich damit einem Thema, dass für die beiden ausgebildeten Sänger schon von Beginn ihrer gemeinsamen Karriere 1998 an bedeutsam war. Das Schöne an diesem gut eingespielten Team: Sie erwecken die großen Melodien aus Pop, Chanson und Schlager zwar mit ganz viel Gefühl und auch Pathos zum Leben, driften dabei aber nie ins Kitschige ab, sondern mischen auch eine gute Portion Augenzwinkern und Witz hinzu. Ob da nun Marshalls Bart, der ja nun wirklich schwer in Mode liegt, von Fans glatter Männerwangen ausgebuht wird oder gleich drei Damen hintereinander in der ersten Reihe ein Tänzchen mit Gentleman Alexander verschmähen – die gute Laune ist an diesem Abend das alles überstrahlende Gefühl.

Gleich beim Opener Bridges over troubled Water zeigt sich, wie gut der Tenor Alexander und der Bariton Marshall miteinander harmonieren, obwohl sie doch scheinbar so unterschiedlich sind. Jay Alexander im eleganten Smoking und Marc Marshall im Hipster-Look mit zweifarbigen Budapestern geben sich gegenseitig den Raum, den jeder braucht, um dann wieder gemeinsam mit voller Wucht aufs Neue im Duett durchzustarten.

Marshall lauscht mit geschlossenen Augen, wie sein Kollege voller Inbrunst Plaisir d’amour zum Besten gibt, dieses alte französische Liebeslied, das bei ihm irgendwie italienisch klingt. Er selbst interpretiert das größte der Gefühle dann auf österreichisch, mit Rainhard Fendrichs Klassiker „Bergwerk“. Die Liebe klingt eben in jeder Sprache anders, deshalb haben die badischen Lokalhelden für die randvollen Zuschauerränge neben deutschen und französischen Klassikern auch große Gefühle auf Italienisch und Englisch im Programm – natürlich auch einige selbst geschriebene Songs, nämlich Solo tu, Lovers Forever und Wo immer Du bist.

Eine unerschütterliche Macht sind die Weltklassemusiker der Marshall & Alexander Band unter der Leitung ihres langjährigen Produzenten Frank Lauber, der einige sehr schöne Vintage-Saxofone dabei hat. Guido Jöris, der musikalische Leiter von Peter Kraus, und Peter Lübke, der 33 Jahre lang für Udo Jürgens Schlagzeug spielte, sind eine beeindruckend starke Rhythmusfraktion. Doch auch die übrigen Instrumentalisten sind Meister ihres Faches, die sich neben dem Spiel noch zu einem männlichen Backgroundchor formieren. Als Neuzugang wird der junge Matthias Höderath am Keyboard begrüßt, aber selbst er wirkt, als wäre er schon ewig mit dabei. Kein Wunder, man hat schon einige gemeinsame Proben hinter sich und die zwölfköpfige Herrenrunde spielt und singt mit so viel Professionalität und Leidenschaft, dass man sich diesem Sog nur schwer entziehen kann. (Nina Setzler)

zurück zum Pressespiegel