Badische Neueste Nachrichten, 13. Juni 2016

Mit viel Emotion und Pulverdampf

Wenn Thénadier auftritt, hat er die Lacher auf seiner Seite. Ob er nun noch vor Beginn als Programmverkäufer zusammen mit seiner Madame (Sabine Speck) im Rund des Publikums für Irritationen sorgt, oder ob er aus den Abwasserkanälen von Paris auftaucht und sich aus dem Stiefel die Brühe der Kloake schüttet – Monsieur Thénadier ist sowohl der kleine Kriminelle als Symbol für die unterste Klasse wie auch ein Clown, ganz im Stil der Comedia dell’ Arte.

In der Inszenierung Les Misérables auf der Freilichtbühne Ötigheim hat Sebastian Kreutz, Theaterfreunden in der Region noch aus seiner Zeit am Staatstheater Karlsruhe bekannt, diese Rolle übernommen und spielte sie mit seiner Partnerin Sabine Speck wunderbar aus. Zudem hat Thénadier die Aufgabe, die entscheidenden Szenen zu verbinden, was es dem Zuschauer wesentlich erleichtert, den einzelnen Handlungssträngen zu folgen. Les Miserables beruht auf dem umfangreichen Roman von Victor Hugo, aus dem Regisseur Peter Lüdi eine knapp dreistündige Bühnenfassung entwickelt hat.

Die Handlung beginnt im Jahr 1796. Der König ist geköpft, die Königin auch, das Land ächzt nach der Revolution unter der Diktatur der Grande Terreur. Hungersnot und Gesetzlosigkeit prägen die gesellschaftliche Situation, in der die Hauptfigur Jean Valjean wegen eines Brotdiebstahls zu fünf Jahren Galeere verurteilt wird. Wegen vier Fluchtversuchen werden daraus 19 Jahre. Dort trifft er auf seinen ewigen Gegenspieler, den Polizeioffizier Javert, dessen Überzeugung lautet: Einmal Verbrecher, immer Verbrecher.

Die Wege von Valjean (Martin Kühn) und Javert (Matthias Götz als sein ebenbürtiger Gegenspieler des Helden) kreuzen sich immer wieder an den verschiedensten Stationen des Sozialdramas. Für Victor Hugo stehen sie für zwei gegensätzliche Menschenbilder. Einerseits: Ein Mensch kann sich durch erfahrene Güte bessern. Andererseits: Wer aus der Gosse kommt, bleibt auch dort. Natürlich darf eine zarte Liebesgeschichte nicht fehlen, auch die hat Peter Lüdi gekonnt und unaufdringlich hineingewebt. Auch die Massenszenen fehlen nicht: Mit viel Emotion und Pulverdampf entlädt sich die Wut der Studenten gegen die anhaltende Ungerechtigkeit in einem erneuten Aufstand, den Barrikadenkämpfen von 1832. Javert ist mittendrin, Jean Valjean wird wegen der Liebe seiner Pflegetochter hineingezogen.

Mehr als 400 Mitwirkende, dazu immer wieder Szenen mit Reiterei und Kutschen, große Auftritte der Chöre und Balletteinlagen, beispielsweise als leichte Mädchen vor der Schänke Thénadiers, schaffen ein buntes, spannendes Sittengemälde, bei dem sämtliche Orte der großen Freilichtbühne bespielt werden. Auch wenn historische Kostüme und der Kampf mit den Bajonetten eindeutig die Zeit des Geschehens festlegen – Sebastian Kreutz als Thénadier hat immer ein paar aktuelle, politische Seitenhiebe parat, die vom Publikum als das verstanden werden, was sie sind: Die Botschaft, dass sich seit dem Erscheinen von Victor Hugos Roman gar nicht viel geändert hat.

Peter Lüdis atmosphärisch dichte Inszenierung, deren Liebe zu Details immer wieder besondere Farbtupfer setzt, bietet darüber hinaus Musik, die eigens für die Ötigheimer Produktion entstand und aus der Feder des Düsseldorfer Komponist Hans Peter Reutter stammt. Sie empfängt den Zuschauer, stimmt ihn ein in das opulente Gesellschaftsgemälde der nach-revolutionären und napoleonischen Ära. Eingespielt wurde sie unter der Leitung von Ulrich Wagner, dem musikalischen Leiter der Volksschauspiele, von der Philharmonie Baden-Baden. Hans Peter Reutter hat seine Komposition wie eine Filmmusik angelegt, die Atmosphäre schafft, die gezeigten Bilder eindringlich untermalt und in manchen Szenen gänzlich den Text ersetzt. Das ist eindrucksvoll und nimmt von der ersten bis zur letzten Note gefangen. (Martina Holbein)

zurück zum Pressespiegel