Badisches Tagblatt, 8. April 2015

Mit großer Freude und Ehrfurcht

Zur ersten Volksprobe für Die Passion hatte Regisseur Stefan Haufe am Nachmittag des Ostermontags auf die Freilichtbühne gebeten. Per pedes, auf dem Drahtesel, mit Mofa, Roller und im Auto strömten rund zwei Drittel der Mitwirkenden auf den Tellplatz.

Wir starten mit Proben im Freien für das Hauptstück traditionell an Ostern, so eine Statistin. Und: Wir standen hier schon im Schnee. Rudi Wild (Spielbetrieb) vermeldet drei Neuzugänge in der Statisterie, die einem Aufruf gefolgt waren. Womöglich melden sich nach den Ferien noch einige mehr, hofft er.

Regisseur Haufe, der vorwiegend in der Sparte von Operette und Musical tätig war, erklärt gegenüber dem BT, er sei als Theatermann generell offen für alles. Der Bedeutung der von Josef Saier ausgearbeiteten Bühnenfassung über das Leiden Christi für die Volksschauspiele Ötigheim sei er sich sehr bewusst. Deshalb gehe er Die Passion gleichermaßen mit großer Freude und Ehrfurcht an. Die Aktiven auf dem Tellplatz lässt Haufe wissen: Die Regiearbeit ist für mich eine große Ehre; dieser Ehre werde ich mich mit aller Kraft widmen, um eine schöne Aufführung zu erreichen.

Sehr viele Gedanken für die Umsetzung habe er sich gemacht. Angesichts der tollen Theatertexte von Josef Saier und dessen eigener Weise, die Geschichte zu erzählten sei laut Haufe nicht viel Bearbeitung angedacht. Die Idee, Jesus in der Versuchungsszene einen Widerpart in Person Luzifers gegenüberzustellen, zeichnet Saier als großen Theatermann aus.

Texte und Worte des Pfarrers habe Haufe ein bisschen gerückt und gestrafft, um Tempo in das Stück zu bringen. Die Ideen des Regisseurs konzentrieren sich darauf, die Passion Jesu im 21. Jahrhundert so umzusetzen, dass sie die Zuschauer packt und ihnen vermittelt: Das geht uns heute an! Luzifer stellt er als moderne Figur unserer Tage dar. Als Conférencier schlägt dieser eine Brücke ins Jetzt, führt durch das Stück, wobei er seiner Natur gemäß verführt und manipuliert. Die Engeltexte sprechen Kinder in der Neuinszenierung.

Der Regisseur differenziert zwischen geistlichen und weltlichen Bildern. Die erste Tanzszene stellt ein großes Fest der machthabenden Römer dar. Pontius Pilatus fährt im Streitwagen vor. Ein ausschweifendes Gelage mit Speisen aller Fasson steht dem geknechteten, hungernden Volk Judäas gegenüber. Haufe stellt für die kommenden Probenwochen einen ehrgeizigen Plan in Aussicht. Der musikalische Leiter Ulrich Wagner arbeitet seit November mit der Musik für das Stück, vereint 231 Sängerinnen und Sänger unter seinem Dirigat. Personelle Unterstützung erhält der VSÖ-Chor vom Ötigheimer Männergesangverein 1863 und dessen Frauenensemble Belle Amie. Wagner sagt, er habe unglaublichen Respekt vor Saiers Werk. Was für eine unvorstellbare Leistung!

Aus vier Quellen kommt die Orchestermusik vom Band. Zur Verfügung stehen eine Originalaufnahme von 1950, Einspielungen aus den Jahren 1970 und 2000 sowie zwei neu aufgenommene Nummern.

Während sich am Montag Wagner mit einer Chorabordnung zur Probe für Jauchzet! in den Saier-Saal des Tellplatz-Casinos zurückzog, ging Haufe mit Stellproben der Soprane und Tenöre in medias res. Auch Christus-Darsteller Eric van der Zwaag schaute vorbei. Auf die Frage, wo auf der Bühne sein Hauptaktionsradius sein werde, antwortet er lachend: Ich habe noch keine Ahnung! Die VSÖ sind Neuland für den professionellen Mimen, der in Graz, Frankfurt, Rostock und Wuppertal auf der Bühne stand. Bis 2011 arbeitete er fünf Jahre am Reutlinger Theater Die Tonne als Oberspielleiter, seither ist er als freischaffender Schauspieler unterwegs. Seit vier Jahren lebt van der Zwaag in Karlsruhe, unterrichtet Theaterpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater. Im Sandkorn-Theater ist er Schiller.

Auf der Freilichtbühne in Ötigheim will er Jesus Christus glaubwürdig und authentisch darstellen, nicht einer allgemeinen Erwartung entsprechen, sondern die Rolle dort, wo sie in mir einen Platz hat, entfalten und bei den Zuschauern Mitgefühl für Jesu Leidensweg entwickeln. Van der Zwaags Anwesenheit nutzte Gustav Schäfer und verpflichtete ihn zu einem Treffen mit Eseldame Fanny. Das Tier wird Christus beim Einzug in Jerusalem tragen. Aufgrund der hochgewachsenen Gestalt des Christus-Darstellers ist zu prüfen, ob Fanny groß genug ist für ihre Aufgabe.

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