Badische Neueste Nachrichten, 2. Dezember 2015

Zeitlose Inszenierung über Machtmissbrauch

Wir sind schon auf einem guten Stand, befindet Regisseur Gerhard-Franz Brucker, kurz bevor er auf der Probebühne im Tellplatz-Casino noch einmal alle an diesem Abend geprobten Szenen wiederholen lässt. Und wieder blickt er hinein in das Klassenzimmer eines Realgymnasiums im Wien des Jahres 1929 – zehn Jahre nach dem Untergang der jahrhundertealten Donaumonarchie und am Vorabend des Nationalsozialismus: Der autoritäre Professor Kupfer (Matthias Götz), ein sadistisch veranlagter Mathelehrer und Klassenvorstand, hat seinen Spaß daran, unliebsame Schüler mit ungerechten Beurteilungen zu quälen.
Auch Kurt Gerber (Tobias Kleinhans) hat nichts zu lachen. Gott Kupfer nutzt jede Gelegenheit, ihn zu demütigen, und das nicht nur wegen seiner Schwächen in Mathe. Doch Gerber begehrt auf, weil er Ungerechtigkeit nicht ertragen kann, und provoziert den Konflikt. Zum Nervenkrieg mit dem übermächtigen und rücksichtslosen Lehrer kommen familiäre und private Probleme: die schwere Krankheit seines Vaters Albert (Roman Gallion) und dessen Erwartung, Sohn Kurt müsse unbedingt die Matura, also die Reifeprüfung, schaffen.
Aber auch Gerbers unglückliche Liebe zu seiner ehemaligen Mitschülerin Lisa Berwald (Judith Herz). Verzweiflung, Verwirrung und Zerrissenheit machen sich bei ihm breit. Er leidet und scheitert tragisch an der höheren Bildungsanstalt, an Mobbing und Machtmissbrauch, an der Schule des Lebens: Noch bevor bekannt wird, dass er die Matura doch noch geschafft hat, stürzt er sich aus dem Fenster.
Seit Mitte September treffen sich dreimal wöchentlich sieben junge Männer und eine junge Frau aus den Reihen der Volksschauspiele Ötigheim, um diese Begebenheiten aufleben zu lassen. Das Schauspiel Der Schüler Gerber (1999) stammt von dem österreichischen Gegenwartsautor Felix Mitterer, verfasst nach dem gleichnamigen, 1929 geschriebenen Roman des Wiener Literaten Friedrich Torberg unter dem Eindruck von zehn Schülerselbstmorden. Premiere hat die Inszenierung des Bühnenwerks, „das die zeitlosen Kämpfe der Jugend um Anerkennung von Lehrern, Eltern, Geliebten und Freunden zum Thema hat“, am Freitag, 29. Januar, um 20 Uhr in der Kleinen Bühne Ötigheim.
Das Ensemble sei hochmotiviert, sehr engagiert und freue sich auf gefüllte Zuschauerränge bei den Aufführungen im Zimmertheater, betont Brucker, für den das Stück nichts von seiner Wirkung und Aktualität verloren hat. Auch heute prallten oft die nach Neuem strebende Jugend und starr in Traditionen gefesselte Gesellschaftskreise aufeinander. Die Folge seien kaum zu lösende Konflikte, wenn beide Seiten nicht bereit sind, voneinander zu lernen und aufeinander zuzugehen. Hierfür aber bedürfe es toleranter, nach Gerechtigkeit strebender Menschen.
Sadisten wie Kupfer seien prädestiniert, menschliche Katastrophen zu provozieren. Daran habe sich bis heute nichts geändert“, berichtet Brucker, dass mit Ausnahme der Eltern Kurt Gerbers (die Mutter spielt Lissi Hatz) und der sehr gegensätzlichen Professoren Kupfer (Matthias Götz) und Mattusch (Werner Nold) alle Rollen mit jungen oder jugendlichen Darstellern der Volksschauspiele besetzt seien.
Namentlich: Felix Behringer als Lewy, Julian Baumstark als Weinberg, Lukas Tüg als Benda, Sven Engel als Zasche, Torben Frey als Schönthal und Alexander Höfele als Pollak. Auch das Regieteam, die Bühnen-, Licht- und Tontechniker sowie die Kostümbildnerin gehörten der jungen Generation an.
Gespielt wird auf einer Simultanbühne: Alle Schauplätze, das Klassenzimmer, eine Stube, der Flur und der Schulhof, sind gleichzeitig und nebeneinander aufgebaut und einsehbar, was bei den beengten Platzverhältnissen im Zimmertheater eine enorme Herausforderung für die Bühnen- und Lichttechnik darstellt, so Brucker. Der technische Leiter Michael Lerner habe das Bühnenbild Anfang November im Tellplatz-Casino aufgebaut. Vor den Endproben im Januar werde es in die Kleine Bühne übersiedeln. (Ralf Joachim Kraft)

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