Badische Neueste Nachrichten, 20. Februar 2017

Machtmissbrauch und Untertanen

Schrilles Pfeifen. Pianoklänge. Auf dem Klavier döst, mit blonder Lockenmähne, der kluge Kater Miezi (energisch: Sarah Becker). Miau! Im Hintergrund funkeln zwei große Augen, während ein schwarzgewandeter Chor auf der sparsam ausgestatteten, ganz in düsterem Schwarz und kontrastierendem Weiß gestalteten Bühne (Michael Lerner) das Lied Immer lebe der Drache, immer lebe das Städtchen – und auch wir immerdar schmettert. Regisseur Sebastian Kreutz und 18 Nachwuchs-Darsteller der Volksschauspiele Ötigheim lassen in der „Kleinen Bühne“ ein tyrannisches Untier fauchen. Mit enormer Spielfreude zauberten sie am Wochenende das gesellschaftskritische Stück Der Drache auf die Bretter und feierten am Samstag eine mit nicht enden wollendem Applaus und Bravo-Rufen bedachte Premiere.

Gebannt verfolgen die Besucher die witzige, mit vielen originellen Einfällen und herrlich ironischen Dialogen gewürzte Neuinszenierung, die in satirischer Form Machtmissbrauch und Untertanengeist anprangert. Vor allem aber erleben sie junge Darsteller, die sich mächtig ins Zeug legen und die Märchenkomödie des russischen Autors Jewgeni Schwarz zu einem echten Theatererlebnis machen. Selbst die Gänge neben den Besucherrängen und das Publikum werden ins Spiel integriert. Überall Action. Fast drei Stunden lang volle Verausgabung. Man spürt, wie intensiv sie sich mit den Figuren und Themen der zeitlosen Parabel befasst haben. Das Politmärchen zeigt, wie Diktaturen funktionieren, wie sich Menschen mit einem Leben unter ständiger Angst und Kontrolle arrangieren, wie ihnen vermeintliche Sicherheit geboten wird, um sie an der kurzen Leine halten zu können.

Seit 400 Jahren terrorisiert ein dreiköpfiger Drache eine Stadt. Judith Herz spielt das Untier in Menschengestalt mal als altes gebrechliches Männlein mit Maske, mal als rothaarig-feurige Megäre. Einmal im Jahr fordert der Drache eine Jungfrau als Opfer, bis der junge Ritter Lancelot (unerschrocken-lässig in Punker-Kluft mit Irokesenfrisur: Anna Beckert) im Ort auftaucht. Der Drachentöter verliebt sich in die schöne Jungfrau Elsa (überzeugend: Leah Patzelt als züchtig-naive, aber standhafte Heldin) und fordert den Drachen zum Kampf. Der willigt siegesgewiss ein, aber bloß weil er von Elsa verlangt, dass sie den Ritter vorher mit einem Messer tötet. Doch die in Lancelot verliebte Tochter des Archivars Scharlemann (als hochanständigen, aber reichlich überkandidelter Widerständler: Torben Frey) weigert sich. Ihre drei Freundinnen – gespielt von Leonora Mihajlov, Lisa Kary und Alexandra Schiefer – stehen ihr als durchgeknalltes Pop-Trio zur Seite. Die unterwürfigen Stadtbewohner alias Lukas Tüg, Chase Tolbert, Melanie Thilenius, Leonora Mihajlov, Madeleine Kühn und Sven Engel (auch als Soundgruppe gefordert) sind nicht begeistert. Die meisten sind längst zu gefügigen Figuren mutiert. Beim dramatischen Kampf am Himmel besiegt Lancelot den Drachen. Die Köpfe rollen – in Form dreier großer weißer Luftballons, auf die Gesichter projiziert werden. Der Mob skandiert „Wir sind das Volk“. Lancelot selbst wird beim Kampf schwer verwundet und verschwindet spurlos.

Die einst treuen Gefolgsleute des Drachen ergreifen jetzt selbst die Macht. Das Volk verfällt dem nächsten Diktator: Der ebenso verrückte wie karrieresüchtige Bürgermeister (urkomisch und absolut überragend: Lucy Schindele als Ti Amo trällernder Schultes, der seinen Verstand unter den Beinen eines Besuchers sucht) wird Präsident, lässt sich als Befreier feiern und will die Zwangsvermählung mit Elsa. Sein aus demselben Holz geschnitzter Sohn Heinrich (als aalglatter Lackaffe im feinen grauen Zwirn: Julian Baumstark) ist jetzt Bürgermeister. Am Ende kehrt der verschollene Ritter als versehrter Veteran auf die Bühne zurück. Die neuen Machthaber werden im Kampfgetümmel getötet. Der Chor singt Immer lebe Lancelot, immer lebe die Elsa, immer lebe das Städtchen – und auch wir immerdar. (Ralf Joachim Kraft)

zurück zum Pressespiegel