Badische Neueste Nachrichten, 1. Februar 2016

Machtkampf sensibel inszeniert

Zwei kurze Monologe der Hauptfiguren, dann fällt der Blick auf das Klassenzimmer eines Realgymnasiums im Wien des Jahres 1929: Schüler Gerber wird dort in den nächsten zwei Stunden zum Inbegriff des in der Schule und im Leben, im Kampf um Anerkennung und Liebe scheiternden jungen Menschen. Was Friedrich Torberg 1929 unter dem Eindruck von zehn Schülerselbstmorden niederschrieb, zeigt noch immer Wirkung. Gegenwarts-Autor Felix Mitterer bearbeitete den Roman fürs Theater und lieferte 1999 eine Bühnenfassung, die am Freitagabend in der Kleinen Bühne der Volksschauspiele Ötigheim Premiere feierte.
81 Besucher erlebten in einer sensiblen, beklemmend-dichten Inszenierung von Gerhard Franz Brucker, in vielen kurzen Szenen, einen tragisch endenden Schüler-Lehrer-Machtkampf, den manch ein Zuschauer vielleicht ähnlich erlebt hat und vermutlich froh darüber war, dass die eigene Geschichte besser ausging als die des Schülers Gerber. Hoch motiviert und mit großer Spielfreude brachte das zwölfköpfige Ensemble aus acht Nachwuchstalenten und vier alten Hasen den nach wie vor aktuellen Stoff auf die Bretter und erntete dafür am Ende lang anhaltenden Beifall. Schonungslos ließen sie die Zuschauer hautnah miterleben, wie Kurt Gerber, ein begabter aber etwas fauler Schüler, gegen den sadistischen Mathe- und Klassenlehrer Professor „Gott“ Kupfer aufbegehrt, wie er letztlich den ungleichen Kampf gegen den autoritären Mobber und selbstherrlichen Menschenschinder verliert. Kupfer macht den Schülern mit seiner unerbittlichen Lehrmethode am Vorabend des Nationalsozialismus das Leben zur Hölle. Gerber, ein Genie zwar, aber alles andere als ein Mathe-As, muss die Matura, die Reifeprüfung, unbedingt bestehen. Davon hängt neben dem späteren Studium vor allem das Leben seines herzkranken Vaters ab, dem er eine Enttäuschung ersparen will. Ohnmächtig sehen die Zuschauer mit an, wie Kurts Sorge um den Vater und die erste unglückliche Liebe zur früheren Mitschülerin Lisa Berwald Gerbers Verzweiflung und Zerrissenheit so weit vorantreiben, bis er sich nach der nicht bestanden geglaubten Reifeprüfung aus dem Fenster stürzt. Kandidat Leben ist tot. Was sich auf der Simultanbühne mit ihren nebeneinander aufgebauten Schauplätzen bis dahin abgespielt hat, geht unter die Haut und an die Nieren. Stark im Ausdruck, glänzt Tobias Kleinhans in der Rolle des Kurt Gerber, der – reifer als die Klassenkameraden – an der Gemeinheit eines Einzelnen, einer unglücklichen Liebe und der Verständnislosigkeit seines Umfeldes zerbricht. In der Rolle seines Widerparts brilliert Matthias Götz als eitler, von Minderwertigkeitskomplexen zerfressener Profilneurotiker Gott Kupfer, der sich durch seine kindischen Machtspiele selbst erhöht, aber damit als völlig unreif entlarvt. Felix Behringer als lässig-abgebrühter Lewy, von Beruf Sohn, Julian Baumstark (sympathisch als Gerbers bester Freund Weinberg), Lukas Tüg als couragierter Musterschüler Benda, der „Gott“ Kupfer Paroli bietet und plötzlich verstirbt, Sven Engel als temperamentvoller Klassenclown und Underdog Zasche sowie Torben Frey und Alexander Höfele als die später Gerber zur Seite stehenden Mathestreber Schönthal und Pollak, spielen die dem Psychoterroristen Kupfer ausgelieferten Schüler. Klar in der Charakterzeichnung und präzise in der Umsetzung, skizzieren sie die unterschiedlichen Typen, wie man ihnen so oder ähnlich noch heute in Schulklassen begegnet. Den schülerfreundlichen Gegenpol zum niederträchtigen Widerling Kupfer verkörpert anrührend sympathisch Werner Nold als Deutschlehrer Professor Mattusch. Judith Herz – die alberne, affige Puppe (Weinberg) – überzeugt in der Rolle der körperlich frühreifen, aber sonst völlig unreifen Lisa Berwald. In den Rollen der Eltern gefallen Lissi Hatz als stets besorgte Mittlerin im Hintergrund und Roman Gallion als krankes Familienoberhaupt, das alles tut, um drohendes Unheil abzuwenden. (Ralf Joachim Kraft)

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