Badische Neueste Nachrichten, 29. Oktober 2014

Gefangen im Netz von Macht und Geld

Rote Blutspritzmuster auf dem Boden, Spinnennetze an der Wand, eine Bar im Netz-Design. Und mittendrin die Akteure im Dialog oder Monolog. Nein, auf dieser Bühne (Michael Lerner) wird nicht für „Spiderman“ geprobt und auch nicht für „Dracula“ oder ganz subtilen Horror à la Tim Burton, sondern für Die Wirtin – eine Komödie aus der Feder des österreichischen Gegenwartautors Peter Turrini nach Carlo Goldoni, dem Meister der Commedia dell’Arte.

Am Freitag, 7. November, um 20 Uhr feiert das Stück Premiere und eröffnet damit die Saison in der „Kleinen Bühne“. Die Besucher dürfen sich freuen auf deftiges, hintergründiges Sprechtheater mit teils stark überzeichneten Figuren in historisch angelehnten, aber frei und zeitlos gestalteten Kostümen (Ulrike Heck-Petri). Die Premierenvorstellung ist bis auf Restkarten bereits ausverkauft. Bis 13. Dezember sind zehn Aufführungen angesetzt, Beginn: 20 Uhr.

Die Produktion des Jugendclubs 2 wird zugleich meine Abschlussarbeit im Zimmertheater der Volksschauspiele sein, berichtet Regisseur Frank Landua. Der scheidende Jugendclubleiter hat, wie er bei einem Probenbesuch mitteilt, bereits einen Folgevertrag für die Klosterhofspiele in Langenzenn bei Nürnberg in der Tasche und studiert Jura in Erlangen. Die Wirtin stand schon lange auf meiner Wunschliste, erzählt der 41-Jährige. Seit September erarbeitet er mit elf jungen Mimen im Alter von 19 bis 25 Jahren das Stück.

Einige waren schon in Hauptrollen auf der Freilichtbühne zu sehen. Andere sind Newcomer oder arbeiteten bisher ehrenamtlich hinter den Kulissen. Geprobt wurde bislang drei- bis viermal pro Woche und seit zweieinhalb Wochen fast jeden Tag. Und das heißt in diesem Fall: Jeden Tag zurück nach Florenz um 1740: Mirandolina (Melanie Wild), attraktiv, unverheiratet und emanzipiert, arbeitet in einem Männergewerbe. Sie betreibt als Wirtin ein kleines, gut gehendes Gasthaus. Kein Wunder, dass die männlichen Gäste ihr nachstellen. Der steinreiche Graf von Forlinpopoli (Lukas Tüg/Johannes Kühn) glaubt, er könne sich für Geld alles kaufen – auch die Zuneigung der Wirtin.

Der verarmte Marchese von Albafiorita (Tobias Kleinhans) versucht durch Titel und wertlose Protektion die Aufmerksamkeit der Wirtin auf sich zu lenken. Auch Kellner Fabrizio (Sven Engel/Felix Behringer) ist seiner Chefin sehr zugetan, fürchtet aber ob der adeligen Konkurrenz um seinen Erfolg und fädelt daher eine Intrige ein: Die Schauspielerinnen Ortensia (Sarah Weingärtner) und Dejanira (Katharina Nagel/Leonora Mihajlov) sollen sich als Baronin und Gräfin tarnen und so die beiden liebestollen Aristokraten aus dem Wettbewerb drängen. Da aber hat Fabrizio die Rechnung ohne die Wirtin gemacht.

Sie lässt alle drei Herren nach ihrer Pfeife tanzen, wendet sich dem vermögenden Hagestolz und Weiberhasser Cavaliere von Rippafratta (Johannes Tüg/Julian Baumstark) zu und bringt mit den Waffen einer Frau dessen Welt- und Frauenbild gehörig ins Wanken. Buchstäblich „spinnt“ sich bei diesem Spiel um Schein und Sein, Wahrheit und Täuschung, Macht und Ohnmacht und die Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter Intrige um Intrige, bis hin zum Schein-Happy-End. Das Stück zeige auf, wie Macht und Geld den Alltag dominieren und die menschlichen Werte auf der Strecke bleiben. In diesem Punkt bleibt es aktuell, ja, zeitlos, erzählt Landua.

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