Konradsblatt, 18. Juni 2017

Luther wird entstaubt

Bei den Ötigheimer Volksschauspielen feiert in diesem Jahr ein spannendes Schauspiel über den Reformator seine Uraufführung. Hunderte Mitwirkende, große Chöre, Tänze, viel Musik, Reiterei und ein historisches Schauspiel über den großen Martin Luther. Besucher der Volksschauspiele Ötigheim, eine der größten Freilichtbühnen Deutschlands, erwartet in diesem Jahr eine interessante Charakterstudie.

Die Sonne scheint auf all die Bauern, Soldaten, Mönche und Gaukler. Hinter ihnen die imposanten Umrisse eines Klosters, vor ihnen die große Bühnemit den 4000 Sitzplätzen und Rebecca Stanzel. Das war jetzt so, als seid ihr um ein Uhr nachts geweckt worden und musstet das Stück spielen, sagt Stanzel. Kurze Stille. Also, mehr Leben. Mehr Leben. Wir spielen die Szene noch einmal von Anfang, sagt Stanzel. Ach so, und ich habe bei manchen noch Turnschuhe gesehen, das geht nicht. Verstohlen gehen viele Blicke nach unten auf die Füße der anderen. Wer hat die Turnschuhe an? Dann leert sich der Platz wieder und einen kurzen Moment später setzt die Musik ein: Bauernkinder laufen auf die Bühne, ein Fuhrwerk fährt vor, Gaukler führen ihre Kunststücke auf, Wäscherinnen tragen schwere Körbe über den Platz und und und.  Irgendwann sind es über hundert Menschen mit Kostümen, die den Platz mit Leben füllen und die Freilichtbühne Ötigheim in das Erfurt vor 500 Jahren verwandeln. Zwischen all diesen Menschen steht ein junger Student in Schwarz gekleidet, von dem das Stück handelt und der die Fundamente der Kirche ins Wanken bringen wird, natürlich: Martin Luther. Die Proben für das Luther-Schauspiel der Volksschauspiele Ötigheim sind in der heißen Phase. Am 18. Juni ist Premiere und Rebecca Stanzel, Regisseurin des Stücks, und ihren beiden Regieassistentinnen wird nicht langweilig. Wo stimmen Betonungen, Gestik und Mimik noch nicht, wo fehlt noch ein Requisit, wo passt es mit der Musik noch nicht? Es ist noch viel zu tun, sagt Stanzel, lacht, beantwortet schnell die Frage eines Schauspielers, um dann in den Orchestergraben zu steigen, um dort mit dem Dirigenten Ulrich Wagner noch Abstimmungen zu treffen.

Schon vor vier Jahren wurde der Startschuss für das Luther-Schauspiel gegeben. Als christliches Theater wollten sich die Verantwortlichen im Reformationsgedenkjahr 2017 auch künstlerisch mit der Thematik auseinandersetzen. Beim bekannten österreichischen Theaterautor Felix Mitterer gaben sie ein exklusives Stück über den Reformator für die Freilichtbühne in Auftrag. 2017 solch ein Stück aufzuführen, war dabei auch mit Bauchschmerzen verbunden. Jedenfalls bei Marc Moll, Leiter der Geschäftsstelle in Ötigheim. Die  Sorge war da, dass viele im Sommer 2017 schon genug von Luther haben würden, weil er medial rauf und runter läuft. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Wir haben schon vor der Premiere über 80 Prozent der Karten verkauft, das ist wirklich keine alltägliche Situation, freut sich Moll. Und hofft natürlich, dass spätestens nach der Premiere auch die restlichen 20 Prozent der Karten verkauft werden.

Neben vollen Rängen hat Stanzel noch ein weiteres Ziel bei dem Schauspiel: Dass die Zuschauer gut unterhalten werden. Und dass sie„Neues über Luther erfahren und ihn vielleicht mit etwas anderen Augen sehen. Ihr eigenes Bild von Luther hat sich auf jeden Fall geändert, seitdem sie sich durch das Stück intensiv mit seiner Person auseinandergesetzt hat. Er ist stark entstaubt worden, sagt Stanzel. Der große Mann der Reformation, der unnahbar in hohen Sphären schwebte, wurde zu einem ganz normalen Menschen. Ich war beinahe erleichtert, als ich entdeckte, dass er durchaus ein schwieriger Charakter war, heftig und aufbrausend, zugleich zutiefst verunsichert, betont Stanzel. Diesen Charakter überzeugend zu spielen, ist die Aufgabe von Simon David Grossenbacher. Er ist die einzige Profikraft in dem Schauspiel. Für Erich Penka, Pfarrer in Ötigheim und gleichzeitig Erster Vorsitzender des Volksschauspielvereins, rührt diese Brüchigkeit von Luthers Charakter auch aus dessen Misshandlungen durch seine Eltern in der Kindheit. Luther selbst schrieb, wie er von seiner Mutter bis aufs Blut geschlagen wurde. Auch im Schauspiel gibt es eine kurze Szene, in der Luther vom Vater geschlagen wird. Diese Brüchigkeit in der Beziehung zu seinen Eltern spiegelt sich auch in Luthers Gottesbild oder in seinem Verhältnis zum Papst wider, glaubt Penka. Das Stück stellt eine Zeitspanne von 20 Jahren dar. In 23 Bildern werden die wichtigsten Ereignisse aus dem Leben Luthers zwischen 1505 und 1525 erzählt: von seinem Eintritt ins Erfurter Augustinerkloster, seinem Aufstieg zu einem versierten Theologen, der mit seiner Kirchenkritik immer mehr Befürworter um sich versammelt, schließlich dem Thesenanschlag, seiner Ächtung als Ketzer, seiner Zeit im Versteck auf der Wartburg, wo er sich an die Bibelübersetzung macht, bis hin zur Hochzeit mit Katharina von Bora während der Bauernkriege 1525.

Parallel zur Geschichte Luthers wird auch die seiner Kontrahenten erzählt, wenn sich zum Beispiel der Theologe Johannes Eck, der Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg,Jakob Fugger und der bekannte Dominikaner Johann Tetzel über Luthers kritische Thesen ereifern. Ein Höhepunkt des Stücks ist auch das Aufeinandertreffen des päpstlichen Nuntius Hieronymus Aleander mit Luther, den er zum Widerruf seiner Schriften auffordert. Gespielt wird der Nuntius von Gerold Baumstark. Der 60-Jährige spielt zum 42. Mal in Ötigheim mit. Man wächst halt so rein, sagt er mit einem Schmunzeln. Wie bei so vielen Ötigheimern spielt auch bei ihm fast die ganze Familie mit. In drei Worten beschreibt Baumstark die Faszination der Freilichtbühne: Kultur, Gemeinschaft, Geselligkeit. Pfarrer Joseph Saier, der die Bühne 1906 begründete, um für die Jugendlichen eine sinnvolle Beschäftigung zu finden, würde sich über diese Zusammenfassung seines Lebenswerks sicherlich freuen. Vor allem, dass die Bühne auch über 60 Jahre nach seinem Tod noch so voller Leben steckt.

Das Engagement der Ötigheimer für die Bühne nennt Geschäftsstellenleiter Moll den positiven Wahnsinn. Minutenlang kann er von der großen Einsatzbereitschaft der Mitwirkenden erzählen, die viel Zeit und Kraft in die Bühne investieren. Der Probenaufwand für die Statisten war in diesem Jahr vergleichsweise hoch. Das lag auch daran, dass die Spieler des Volks von der Regisseurin die Aufgabe bekamen, eine Geschichte zu ihrer Rolle zu überlegen und schauspielerisch zu erzählen. Die Szenerie wird dadurch viel lebendiger und feingliedriger, findet Pfarrer Penka.

Auch im Bau des neuen Bühnenbildes steckt viel ehrenamtliches Engagement. Nach sieben Jahren hat Ötigheim seit dieser Spielzeit mit der Fassade einer mächtigen Burg, die problemlos auch als Kloster durchgehen kann, wieder ein neues imposantes Bühnenbild, das für die Schauspieleder kommenden Jahre die passende Kulisse bieten wird. Auch in der Schneiderei wurde seit Monaten mit Hochdruck an hunderten Kostümen genäht. Bei mehr als 200 Schauspielern kann man sich vorstellen, wie die Nähmaschinen geraucht haben müssen. Ein schickes Kostüm bekam auch Michael Kurzweiler. Treffend beschreibt er es so: Bei sommerlichen Temperaturen ist das Kostüm auf jeden Fall schweißtreibender als die Rolle. Kurzweiler hat eine bedeutende Statistenrolle im Stück: Er klebt die 95 Thesen an die Kirchenmauern. 1980, mit 19 Jahren, spielte er das erste Mal in Ötigheim mit. Die Gemeinschaft zwischen allen Mitwirkenden macht für ihn den großen Reiz der Volksschauspiele aus. Wenn alle auf der Bühne stehen, im Chor gesungen und getanzt wird, das sind für ihn die schönsten Szenen. Gerold Baumstark kennt noch einen anderen Reiz der Bühne. Und zwar die besondere Atmosphäre, wenn abends die Sonne untergeht, und man die Kulisse der Freilichtbühne vor sich hat: Dann sitze ich hier und als Ötigheimer geht mir da irgendwie das Herz auf. (Daniel Gerber)

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