Badische Neueste Nachrichten, 23. April 2019

Lügenbaron betritt in Ötigheim Neuland

Ihre Berliner Schnauze ist aus dem gemütlichen Ötigheimer Idiom, das das Halbrund der Ötigheimer Freilichtbühne wie Bienensummen erfüllt, leicht herauszuhören. Johanna Schall, die Regisseurin von Münchhausen, in Berlin geboren als Enkelin von Bertolt Brecht und Helene Weigel, inszeniert zum ersten Mal in Ötigheim, kennt die Ecke im Südwesten aus Karlsruher Staatstheater-Tagen aber recht gut, wie sie selbst sagt.

Dort hat sie Sebastian Kreutz kennengelernt und die Verbindung zu ihm gehalten. Er war es auch, der sie vorgeschlagen hat und mit ihr das Stück Münchhausen, das sie 2010 bereits auf der Großen Bühne in Rostock inszeniert hatte. Die Ötigheimer betreten mit Münchhausen absolutes Neuland: Es wurde noch nie auf einer Freilichtbühne gespielt. In Rostock waren es zwölf Schauspieler und ein Kind, die in wechselnden Rollen die farbigen Fantasiegeschichten des Freiherrn von Münchhausen nach dem 1943 entstandenen UFA-Film auf die Bühne brachten. Zum Vergleich: Auf der Freilichtbühne werden es mehr als 300 Darsteller sein, die in rund 400 Kostümen die verschiedenen Stationen von der Jetztzeit über das zaristische Russland und die Krim bis hin zum Orient und auf den Mond mit Leben füllen. Wir wollen Geschichten erzählen im Theater, sagt Johanna Schall, Geschichten, die die Fantasie der Zuschauer anregen, die sie zum Lachen bringen und zum Weinen.

Die Geschichte von Münchhausen ist zwar eine Komödie und eine Abenteuergeschichte, aber mit einem Hauch Melancholie. 1943, als der Auftrag an die Filmstudios Babelsberg in Potsdam ging, hatte es einigen Nazi-Größen schon gedämmert, dass der Krieg verloren ist. Deshalb musste ein Mutmach-Film her, mit dem blonden, draufgängerischen Hans Albers in der Hauptrolle. Mit den Abenteuern des Baron Münchhausen aus der Feder von Gottfried August Bürger war die adäquate Vorlage gefunden. Als Drehbuchautor wurde vom Propagandaministerium kein Geringerer als Erich Kästner auserkoren, doch der hatte seit 1933 Schreibverbot. Ein Pseudonym musste her, mit Bertold Bürger auch gefunden und das Schreibverbot wurde für dieses eine Drehbuch aufgehoben. Selbst diese Entstehungsgeschichte passt also richtig gut zu den Münchhausen-Geschichten, die von Bodenwerder, dem heimischen Rittergut des Barons, ins winterliche Russland führen.

Was im Film auch damals schon zu realisieren war, wird natürlich im Sommer auf der Freilichtbühne schwierig: Aber ich habe ja hier mit Michael Lerner einen außerordentlichen Technischen Leiter, schmunzelt Johanna Schall und freut sich schon auf die Gesichter, wenn ein Pferdeschlitten Glöckchen klingelnd vorüberrauscht oder Eisprinzessinnen ihre Runden drehen. Auch auf den Ritt auf der Kanonenkugel müssen die Theaterbesucher nicht verzichten und selbst für das sprechende Pferd Sancho gibt es eine theatertaugliche Lösung. Eine Schwierigkeit auch, dass Baron Münchhausen nach einem Pakt mit dem Zauberer Cagliostro nicht altert, seine Umwelt aber schon. In Ötigheim gelingt der Kunstkniff mit dem Austausch der Darsteller oder dem Farbwechsel der Kostüme von bunt zu grau.

Ganz wichtig ist deshalb auch Kostümbildnerin Jenny Schall, die Schwester, die für jede Station der Reise ein Farb-Tableau entworfen hat, das auch aus der letzten Reihe erkennbar ist. Ich kann hier aus dem Vollen schöpfen und reihe mich gerne in die Tradition der Geschichten-Erzähler ein, die das Leben reicher machen, so Regisseurin Johanna Schall. (Martina Holbein)

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