Badisches Tagblatt, 10. August 2015

Leiden an Genie und Mittelmaß

Die Ötigheimer Volksschauspiele haben den Bühnenhit des britischen Dramatikers Peter Shaffer aus den 1980er Jahren für sich entdeckt – und bringen das Kammerspiel Amadeus um die Reizfigur Mozart in der umsichtigen Regie von Peter Lüdials ein sauber austariertes Psychodrama über eine erbitterte Komponisten-Konkurrenz zwischen dem jungen Genie und dem gestandenen Salieri in Rokokoatmosphäre mit leichtfüßiger Komik neu auf der großen Freilichtbühne heraus.

Dabei fügt sich der stattliche Mittelbau in der Anmutung von Notre-Dame mit der Freitreppe, auf der Lüdi gut 30 rotsamtene Stühle platziert, mal ins Bild einer Opernloge, mal der Wiener Hofburg, so unkompliziert wie sich die Ötigheimer Laienschar vergnüglich in den prachtvollen Kostümen von Heike Timpert in parlierende Hofschranzen verwandelt. Mit dem Lieblingssatz – Dös glaub‘ i net, dös kann net sein – verbreiten die beiden herrlich niederträchtigen Salieri-Spione (Markus Wild-Schauber und Reinhard Danner) waschechten Wiener Schmäh. Das ehemalige Wunderkind mischt die Habsburger Hofgesellschaft auf und führt sich entsprechend unkonventionell ein.

Hinter einer temperamentvoll quiekenden jungen Dame im himmelblauen Ballkleid kommt ein flegelhafter Mozart, wie auf den bekannten Konfektkugeln mit rotem Jackett, auf die Bühne gelaufen und jagt sie als miauender Kater.

Als seine Auserwählte rittlings unter ihm auf dem Sofa liegt, mutmaßt er, sie werde sich wohl gleich vor Angst in die Hosen scheißen und stimmt seine Brautwerbung mit einer Furz-Ouvertüre an. Und verspricht, wenn sie ihn heirate, werde er ihr den Arsch lecken. Und weil in seiner Ehe alles verkehrt rum gehe werde sie dann Frau Trazom heißen -voilà Herr Mozart und Frau Constanze.

Bastian Nold und Anna Hug geben diese beiden freizügigen Kindsköpfe mit großer Spiellaune und ebenso anrührender Ernsthaftigkeit. Shaffers zentrale Szene, weltweit ein Begriff geworden für ein Mozartbild vom obszönen Genius, wird in Ötigheim vergnüglich bedient, aber nicht nur als Komödienspaß, sondern auch als Drama eines zu Lebzeiten verkannten großen Meisters.

Vor allem aber münzt Regisseur Lüdi, früherer Intendant des Theaters Baden-Baden, das Mozart’sche Künstlerdrama in die große Salieri-Show um. Lüdi zeichnet darin die mitreißende Charakterstudie eines berechnenden Giftmörders aus Besessenheit. Der Karlsruher Schauspieler Sebastian Kreutz ist als schurkischer Held mit kaltem Herzen Bestbesetzung.

Das frühere Ensemblemitglied des Badischen Staatstheaters spielt als von Neid zerfressener italienischer Hofkomponist virtuos die Klaviatur der seelischen Abgründe und macht diesen Theaterabend zu einer menschlichen Tragödie – ein Zerrissener, der mit gerissenem Witz Sympathien gewinnt. Aus dem frommen Salieri Shaffers wird bei Lüdi ein eher bigotter Asket, der als Einziger Mozarts Genie erkennt. Dieser zeitlebens berühmtere Salieri begreift, dass alles, was er mit großer Kunstfertigkeit zu komponieren vermag, gemessen an den göttlichen Melodien, die dieser Mozart in unerschöpflichem Leichtsinn aufs Papier bringt, nichts ist. Das scheint dem Karrieristen eine unerträgliche Ungerechtigkeit Gottes – und schreit nach Vernichtung, bevor es noch andere bemerken.

Shaffers Stück erzählt in Rückblenden die Geschichte des alten Salieri, den der vermeintliche Mord an Mozart – eine bis heute kolportierte Legende – plagt. Albtraumhaft geistert der Alte mit Fusselhaar wie der grantige Ebenezer Scrooge von Dickens über die Vorderbühne. Mit Publikumsansprache und Slapstick wird das monologische Vorspiel zur fesselnden Beichte eines Täters – sein Perückenwechsel setzt die Rückschau in Gang.

Klein platter Effekt ist auch das Spiel auf dem Pianoforte, bei dem sich Salieri/Kreutz und Mozart/Nold vermeintlich echte Virtuosennummern liefern. Auch die Zuschauerspiegelung funktioniert wie ein hübscher Theatertrick: So sitzen die herrschaftlichen Zuschauer in der Wiener Hofoper bei Mozarts Entführung aus dem Serail auf der Freitreppe den Amadeus-Zuschauern auf der Tribüne der Freilichtbühne genau gegenüber – und applaudieren sich gegenseitig zu. Zu Mozarts Musik in Zuspielungen entfaltet sich bis zum Requiem, das Salieri in dunkler Maskerade bei einem zunehmend kränker werdenden Mozart in Auftrag gibt, der tödliche Racheplan des Konkurrenten: Das Genie wird geängstigt und vergiftet – nichts ist’s mehr mit dem Besten im ganzen Land.

Lüdi setzt den Theaterapparat so routiniert und erkenntnisgewinnbringend ein, dass auch diese dritte Neuinszenierung des Ötigheimer Theatersommers bis zum Schluss fesselt. Stilecht wird der tote Mozart von einem Leichenwagen mit Pferdegespann abgeholt. Vermisst hat man bei dieser Premiere höchstens ein paar Takte der Zauberflöte. Für Heiteres ist am Ende kein Platz mehr. Standing Ovations bei der Premiere als Belohnung. (Christiane Lenhardt)

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