Badisches Tagblatt, 1. Februar 2016

Kurzweiliges Schauspiel, das unter die Haut geht

Der Schüler Gerber ist der Titel des Schauspiels, das am Freitag im vollbesetzten Saal der Kleinen Bühne Ötigheim Premiere hatte. Wer eine harmlos-heitere Version der beliebten Feuerzangenbowle erwartete, wurde schon bei der Begrüßung durch den Vorsitzenden der Volksschauspiele, Pfarrer Erich Penka, umgestimmt. Bei dem gebotenen Stück ging es vielmehr um das Lenken und/oder Verbiegen von Kindern und Jugendlichen und darum, welche Kräfte auf Heranwachsende wirken.

In einer Wiener Schule der 1920er Jahre herrscht noch immer der Geist der Donaumonarchie, und die Schüler sind den Schrullen und der Willkür ihrer Lehrer ausgeliefert. Ich muss die Matura schaffen, sagt sich jeder Schüler, doch nicht allein die Leistung zählt: Während der gutmütige Professor Mattusch, genannt Asso alias Werner Nold, mit den Schülern sein und ihr letztes Schuljahr gut über die Runden bringen will, schikaniert der Mathematiklehrer – genannt Gott Kupfer – seine Klasse mit lächerlichen Befehlen. Dabei beobachtet er aufmerksam jeden Keim von Opposition. So hat sich der Schüler Gerber durch eine leichtfertige Äußerung die Gunst von Professor Kupfer verscherzt, der ihn von nun an auf dem Kieker hat und keine Gelegenheit versäumt, den Schüler zu bestrafen – mit schlechten Noten oder Karzer.

Dabei hat es Gerber schwer genug in dieser Phase des Erwachsenwerdens: die erste Liebelei mit Lisa, die ihn nicht ernst nimmt; die Erwartungen der Eltern, die das Beste für den Sohn im Auge haben, die Rücksicht auf den herzkranken Vater, schließlich die Mitschüler, für die er kein Streber sein will. Ob einer die Matura bei mir schafft oder nicht, ist längst entschieden, bemerkt Professor Kupfer süffisant, als Gerber endlich wie besessen lernt. Doch erst als der Schüler sich vor ihm erniedrigt, lässt er Gerber die schriftliche Prüfung bestehen – um ihn bei der mündlichen vollkommen bloßzustellen. Die Geschichte endet dramatisch.

Der aus Tirol stammende Felix Mitterer (Jahrgang 1948) ist den Volksschauspielen Ötigheim durch die Bearbeitung von Franziskus bekannt. Der Autor, der selbst einmal Lehrer werden wollte, hat sich des Stoffs nach dem Roman von Friedrich Torberg angenommen, weil Mobbing in der Schule ein brisantes Thema ist. Das bestätigten auch die Gespräche der Zuschauer, von denen viele noch Ohrfeigen oder sogenannte Tatzen in der eigenen Schulzeit erlebt haben. Der Schüler Gerber, glänzend gespielt von Tobias Kleinhans, wird jedoch nicht geschlagen. Sein Martyrium besteht in der völligen Ohnmacht des Schülers gegenüber der Allmacht des Lehrers, die daher rührt, dass mit dem Reifezeugnis alles auf dem Spiel steht. Ohne Abi bist du nichts, würde das Pendant im heutigen Bildungssystem lauten, wenn Staat und Gesellschaft dem formalen Schulabschluss eine alles überragende Bedeutung zusprechen – und damit zugleich den verantwortlichen Lehrkräften.

Das Bühnenbild mit liebevollen Details wie alten Schulbänken, altertümlichen Ranzen und Aktentaschen schuf Michael Lerner, die Kostüme Ulrike Weßbecher. Die Rolle des Sadisten ist vortrefflich besetzt mit Matthias Götz, wie auch die übrigen Mitwirkenden allesamt überzeugen – vor allem die Darsteller der Schüler. Hiermit hat sich die Kleine Bühne bewährt als Forum, wo Nachwuchsschauspieler der Theatergemeinde, die durchweg Laien sind, Erfahrungen sammeln und sich auf das Regiefach vorbereiten können. Assistiert von Alexander Grünbach, Melanie Wild und Leonora Mihajlov hat Gerhard Franz Brucker das Schauspiel kurzweilig inszeniert. So unterhält „Der Schüler Gerber“ mit zahlreichen amüsanten, für das Schülerleben typischen Szenen – und geht zugleich unter die Haut.

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