Badisches Tagblatt, 29. Mai 2018

Gelebte Tracht trifft auf überzogene Verkleidung

Einfache Bauern und Adel, dazu noch Adlige, die sich als Bauern verkleiden und niedrige Adlige, die sich als Fürsten verkleiden – es ist gar nicht so leicht, bei der Operette Der Vogelhändler, dem diesjährigen Hauptstück der Freilichtbühne Ötigheim, den Überblick zu behalten. Einer hat ihn aber: Kostümbildner Peter Sommerer. Er hat die Kostüme für die Akteure auf der Freilichtbühne entworfen – ganz schön viel Arbeit, oder?

In der Tat ist das alles hier recht umfangreich. Aber ich habe auch viel Spaß daran gefunden, sagt Sommerer. Alle Solistenrollen sind doppelt besetzt – und die Solisten wurden auch alle neu eingekleidet. Macht 52 Kostüme, sagt Sommerer. Außerdem betrete er mit dem Trachten-Thema, das beim Vogelhändler ja eine wichtige Rolle spiele, Neuland. Es ist immer so, dass man in die betreffende Zeit eintaucht, wenn man ein Stück erarbeitet, erklärt der 49-Jährige.

Dieses Mal sei es besonders spannend gewesen – auch dank der Trachten. Denen entkommt man bei diesem Stück ja nicht. Eine klare Vorstellung, was es nicht werden sollte, hatte der Kostümbildner von Anfang an im Kopf: Ich wollte keinen Musikantenstadl, sondern echte, gelebte Tracht. Erste Berührungspunkte dazu gab es im vergangenen Frühjahr, kurz nachdem Sommerer von seinem erneuten Engagement in Ötigheim erfahren hatte (in der Vergangenheit trugen bereits die Kostüme bei Kiss me, Kate und der Passion seine Handschrift) war er in Österreich in Urlaub. Im Museum dort habe er Tiroler Trachten entdeckt – und erkannt, mit welcher Liebe zum Detail und Vielfalt diese gestaltet wurden. Eine echte, gelebte Tracht ist etwas Wunderschönes, das habe ich bei meinen Recherchen immer mehr erkannt. Man darf das auf keinen Fall als Albernheit abtun und nicht mit dem gekauften Dirndl von der Stange verwechseln.

Demnach trägt Christl, eine der Hauptfiguren des Stücks, auch eher zurückhaltend Dirndl, die sich für sie auch praktisch erweisen mussten: Immerhin ist sie die einzige arbeitende Frau im gesamten Stück.

Die Kurfürstin, die sich als einfaches Bauernmädchen verkleidet, schießt dabei jedoch ein wenig übers Ziel hinaus: Ihr Outfit ist dann doch ein wenig zu viel des Guten. Zu viele Blumen, zu bunt. Sie ist einfach ein bisschen overdressed, verrät Kostümbildner Sommerer. Man soll ja sehen, dass sie eigentlich keine Ahnung von bäuerlichen Lebensweisen hat. Das Ganze sehe dann eben aus, wie wenn sich Lieschen Müller mit dem Dirndl von der Stange für einen Besuch auf dem Oktoberfest herausputzt – ohne je zuvor einen Berührungspunkt zu Trachten gehabt zu haben.

Ebenfalls eine Herausforderung für den gebürtigen Münchner, der in Dortmund lebt: Im Vogelhändler treffen verschiedene regionale Volksgruppen aufeinander: Die Handlung spielt in der Kurpfalz, der Tiroler Vogelhändler Adam ist ebenfalls mit einer Gruppe Landsleute vor Ort. Die beiden Volksgruppen der Tiroler und der Pfälzer haben wir farblich voneinander abgegrenzt, damit das Publikum gleich sieht, wer zu wem gehört, erklärt Sommerer. Die Pfälzer tragen demnach Blautöne, die Tiroler sind in Rot und Grün gewandet. Für die Kostüme des Volks bediente man sich aus dem Fundus der Volksschauspiele. Einfache, bäuerliche Kostüme finden sich dort zuhauf.

Sommerer zeigt sich von der Arbeit in Ötigheim begeistert: Die Euphorie, die alle hier ausstrahlen, das sieht man selten. Die Atmosphäre ist eine ganz Besondere. Alles ist sehr entspannt. Auch die Zusammenarbeit mit Regisseur Manfred Straube klappe gut, man kenne sich schon lange. Das ist unsere siebte gemeinsame Produktion, aber die erste gemeinsame Arbeit auf dieser wunderbaren Bühne hier.

Mit dem Fertigstellen der Entwürfe ist Sommerers Arbeit eigentlich getan. Danach übernimmt die Schneiderei die Fertigstellung der Kostüme. Dennoch fiebert der Kostümbildner einem ganz bestimmten Moment entgegen: Ich freue mich schon darauf, wenn die Darsteller ihre Kostüme zum ersten Mal tragen. Dieses Anprobieren und Sich-im-Spiegel-Sehen ist nämlich jedes Mal ein ganz besonderer Moment. „Das macht etwas aus den Schauspielern. Sie werden irgendwie eins mit der Rolle, stehen strahlend vorm Spiegel. Das beflügelt mich jedes Mal. (Yvonne Hauptmann)

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