Badische Neueste Nachricht, 8. Juni 2016

Alleine die Anzahl der Kostüme ist eine Herausforderung

170 Figurinen zieren seit Monaten die Wände der Schneiderei der Volksschauspiele Ötigheim. Diese Model Sheets oder Charakterdesigns hat Karel Spanhak für die Inszenierung von Les Misérables entworfen. Karel Spanhak ist Bühnenbildner, Kostümbildner und Lightdesigner. In Ötigheim ist der gebürtige Niederländer, der sein Atelier in Freiburg hat, nur für die Kostüme zuständig. Zum ersten Mal arbeitet er für die Volksschauspiele, zuvor hat er in Pforzheim die Kostüme für Les Miserables entworfen. Aber Ötigheim ist eine ganz andere Herausforderung, so Karel Spanhak, der zeitgleich in Hamburg für das Bühnenbild von Oscar Wilds Bunburry verantwortlich ist und in Wien vor kurzem Premiere mit dem Bettelstudent (Bühnenbild) hatte. Nur eine kleine Liste der Produktionen, an denen er aktuell mitwirkt.
Die ganz andere Herausforderung liegt schon allein in der Anzahl der Kostüme begründet, die angefertigt werden müssen für die 400 Mitspieler des musikalischen Schauspiels. Das macht 800 Kostüme, so Spanhak, da sich manche Darsteller bis zu dreimal umziehen müssen. Und auch der Chor und das Ballett müssen eingekleidet werden. Natürlich komme ein Teil der Kostüme aus dem Fundus, aber auch diese müssten stilistisch und von der Größe her angepasst und aufbereitet werden.
Drei Stunden rechnet Ulrike Heck-Petri, die die Schneiderei leitet, hier pro Kostüm. Es sind die Details, die viel Arbeit machen und einen guten Blick brauchen. Zum Beispiel müssen die Uniformen der Reiterei anders geschnitten sein als die des Fußvolkes, erläutert der Kostümbildner. Auch weitgehend historisch sollen die Kostüme sein, um dem Stück gerecht zu werden. Und so ein Kostüm ist Ausdruck für den Charakter der Rolle. Deswegen müssen sämtliche Details, die gewählten Farben und die Accessoires wie Handschuhe, Hüte oder Schmuck und Schuhe stimmen. Szene für Szene, Rolle für Rolle sei er mit Regisseur Peter Lüdi im Vorfeld durchgegangen, habe man die Figuren beleuchtet, bevor es ans Entwerfen ging.
Und in Ötigheim gebe es besondere Bedürfnisse: Hier spiele die Fernwirkung eine Rolle. Auch von hinten sollen die Darsteller im Kostüm noch klar erkennbar sein. Selbst im Chor habe er jede Frau individuell gestaltet, damit keine optisch langweiligen Gruppen entstehen. So kommen die Bürgerfrauen eleganter daher als die Handwerkerfrauen, die mit ihrer Kleidung auf den Beruf des Ehemanns hinweisen, beispielsweise mit einem Kopftuch oder einer Schürze. Für den Trauerchor hat er große wollene Tücher gefunden und für die Tänzerinnen elegante Korsagen. Alles muss so sein, dass es schnell und unkompliziert beim Umziehen geht, so Spanhak. Wichtig sei überdies, dass die Darsteller nicht vergessen, ihre private Uhr oder die Brille abzuziehen. Das bemerkt man dann spätestens beim Fototermin, lacht er. Eine besondere Schwierigkeit war, das Lumpenkleid der Cosette zu gestalten, erinnert er sich. Bei der Uniform ihres Pflegevaters konnte er seiner Fantasie freien Lauf lassen. Nur prahlerisch und farbenprächtig sollte sie sein, so Karel Spanhak. Bei fast jeder der Figuren war er anwesend und hat sie zum ersten Mal angezogen.
Mit den Entwürfen habe ich Mitte Oktober angefangen, seit Ende November fahre ich regelmäßig nach Ötigheim, so der Kostümbildner, der erstaunt ist, was die relativ kleine Schneiderei in so kurzer Zeit auf die Beine stellen kann. Die Mengen, die Logistik und die Organisation – eine absolut positive Arbeitserfahrung, lobt der Profi die Schneiderei, zu der außer Ulrike Heck-Petri noch Petra Schorpp und Christina Anselm gehören und als Aushilfe Sophia Heck. (Martina Holbein)

zurück zum Pressespiegel