Badische Neueste Nachrichten, 13. Juli 2015

Muhme Rumpumpel mit der NSA im Bunde

Da tanzten und sangen in der Walpurgisnacht die Sumpf- und Waldhexen mit den Feld- und Kräuterhexen um die Wette. Da wurde der Tellplatz zum Blocksberg und das Publikum ganz verzaubert: Ein Jahr lang versucht die kleine Hexe eine gute Hexe zu werden und vollbringt dafür viele gute Taten. Sie hilft Holzsammlerinnen, einem Maronimann oder rettet ein Kalb vor dem Grill. Und das alles, um schließlich verpetzt zu werden und zu erfahren: Eine gute Hexe ist nur, wer allzeit Böses hext. Doch wann ist man wirklich gut. Über diese Fragen lässt sich trefflich streiten. Erst recht in dem reizenden Familienstück Die kleine Hexe von Otfried Preußler, das am Samstag auf der Ötigheimer Freilichtbühne eine rundum gelungene Premiere feierte.

Unter der Regie von Matthias Götz, der das Stück bereits 2000 auf die Bretter der „Kleinen Bühne“ gezaubert hatte, entstand eine vergnügliche, quirlige und bunte Inszenierung für Jung und Alt, die die Fantasie beflügelte und das Kopfkino in Gang setzte. Das rund 100-köpfige Ensemble, dem neben den Rollenträgern und Statisten, dem Kinderballett unter Leitung von Julia Krug und Andrei Golescu und dem von Maria Bagger geleiteten Kinderchor auch der stets zum Bellen aufgelegte Jagdhund Lucy und das Kalb Erna angehören, legte sich bei hochsommerlichen 34 Grad für die rund 3.500 Premierengäste mächtig ins Zeug.

Zweieinhalb Stunden lang wirbelten die Akteure über die von Bettina Scholzen eingerichtete Naturbühne. Ein Hexenhäuschen links, ein Krämerladen ganz oben auf der Freitreppe und einige rasch aufs Gelände geschobene Marktbuden und Leiterwagen im Bereich unten rechts. Mehr brauchte es nicht. Blickfang waren neben den farbenfrohen Kostümen vor allem die fantasievoll gestalteten Hexenhüte (Kostümbild: Ulrike Weßbecher). Mit viel Spielfreude erweckten die Darsteller Preußlers Figuren zum Leben. Weit davon entfernt, das Stück unnötig zu modernisieren, stellte die Inszenierung mit einem Augenzwinkern originelle Bezüge zur Gegenwart her. Sei es durch die Hexen mit Rollator oder die offenbar bei der NSA geschulte Muhme Rumpumpel, die mit dem Hexen-Smartphone die kleine Hexe ein Jahr lang ausspioniert und vor dem Hexenrat die bei der Observierung geschossenen Fotos per Laptop präsentiert. Auch Helene Fischers Atemlos durch die Nacht in der Rabe-Abraxas-Version oder der Hinweis, dass die Schützen mit Gewehren schießen, die nicht von der Bundeswehr sind, verfehlten ihre Wirkung nicht.

Die Hauptrolle der mutigen und bauernschlauen kleinen Hexe schien Isabell Beckert auf den Leib gehext. So innig spielte sie die erst 127 Jahre junge Hexe, die so gerne mit den anderen Hexen auf dem Blocksberg tanzen möchte. Von Spionin Rumpumpel gelinkt, nimmt sie Rache, verbrennt am Ende alle Hexenbesen und -bücher, beraubt die anderen Hexen somit ihrer Macht und erfüllt sich mit dem vorlauten Raben Abraxas doch noch ihren größten Wunsch.

Tobias Kleinhans, im schwarzen Federkleid und mit großem Schnabel vor dem Gesicht, war bei der Hitze nicht zu beneiden, aber eine Wucht. Seinen nicht einfachen Part meisterte das Nachwuchstalent mit Bravour und lautem Krah-Krah im steten Kontakt mit dem Publikum. In der Rolle der hinterlistigen Obersten Wetterhexe Rumpumpel glänzte Ulrike Weßbecher. Respekt flößte mit sonorem Organ und dramatischen Gesten die Oberhexe alias Petra von Rotberg ein.

Auch die vielen anderen Akteure machten ihre Sache toll. Überraschende Spezialeffekte bereiteten nicht nur den kleinen Besuchern einen Heidenspaß. Für vom Himmel fallende Klopapierrollen, Tannenzapfen, Äste, Besen, Bücher und eine am Seil fliegende Hexe, plötzlich erblühende Papierblumen, sprudelnde und sprühende Wasser- oder Feuerfontänen und Schnee mitten im Sommer sorgte das Technikteam von Michael Lerner. (Ralf Joachim Kraft)

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