Badische Neueste Nachrichten, 15. Juni 2015

Große Bilder und klare Botschaft

Am Anfang war das Wort – das sind die ersten Worte, die in der Ötigheimer Passion gesprochen werden. Aber nicht in pompösem Verkündigerton, sondern aus Kindermund, mit dem Staunen über etwas neu Entdecktes, Unerhörtes. Die Neuinszenierung von Stefan Haufe auf der Freilichtbühne der Volksschauspiele beginnt mit vier Kindern, die sich um ein Smartphone drängen, bis einer aus der Gruppe ein herumliegendes Buch entdeckt und daraus das Johannes-Evangelium vorzulesen beginnt. So gelingt ein Brückenschlag in die Gegenwart, bevor das 1948 uraufgeführte und bis 2000 im Zehn-Jahres-Rhythmus neu aufgelegte Passionsspiel im Sinne des Autors und Pfarrers Josef Saier als theatraler Gottesdienst zelebriert wird: Zu majestätischer Musik fluten blauschattiert gewandete Chormassen (Kostüme: Peter Sommerer) die Bühne, weiß-goldene Scharen formieren sich um den singenden Engel (alternierend besetzt mit Lisa Hähnel und Christina Gailfuß), drei Propheten schreiten würdevoll einher, und im zentralen Portal des Bühnenbildes (Bettina Scholzen) erscheint die Hauptfigur wie eine Monstranz – all das steht in seiner Feierlichkeit dem Beginn eines Hochamtes nahe.

Freilich wäre dieses eindrucksvolle Bild nur leerer Pomp, wenn die Aufführung ohne Seele bliebe. Doch getreu dem Vermächtnis des vor 60 Jahren gestorbenen Volksschauspiel-Gründers Saier findet die Aufführung große Theaterbilder für christliche Kernbotschaften wie Mitleid statt Machthunger, Versöhnung statt Vergeltung, Demut statt Demagogie. Hauptdarsteller Eric van der Zwaag (wie gewohnt ist die Jesus-Rolle mit einem Profi besetzt) vermittelt als charismatischer Messias mit stattlicher Erscheinung und beschwörender Stimme, dass er nicht Recht haben, sondern retten will. Hintertrieben wird sein Wirken durch den wie ein Showmaster im Mafioso-Outfit agierenden Luzifer (alternierend besetzt mit Ulrike Karius und Martin Kühn), doch als eigentlicher Gegenpart tritt Jesus zunächst die Wankelmütigkeit der Volksmenge entgegen: Speisung und Heilung werden mit Jubel vergolten, radikale Aufforderungen wie jene zur Feindesliebe mit Unverständnis und Spott.

Wenn es im zweiten Teil der dreieinhalbstündigen Aufführung (inklusive 30 Minuten Pause) um die eigentliche Passion geht, rücken die Gegenspieler als Individuen in den Mittelpunkt: Stark in Stimme und Bühnenpräsenz zeigt Paul Hug als Hohepriester Kaiphas, wie sich Eigennutz mit höheren Motiven zu bemänteln weiß. Befeuert wird er durch den intriganten Nathan (Roman Gallion) und den dogmatischen Annas (Werner Sachsenmaier). Für die Stimme der Vernunft steht, im Guten wie im Schlechten, der unter politischem Druck nachgebende Pontius Pilatus (Fritz Müller). Unter den Aposteln haben neben dem Verräter Judas, den Alexander Grünbacher als jungen, leicht korrumpierbaren Revolutions-Idealisten gibt, der glaubensstarke und menschlich schwache Petrus (Markus Wild-Schauber) und der bedingungslos folgende Johannes (Felix Behringer) prägnante Momente. Zahlreiche weitere Kleindarsteller, die Reiterei und die Tanzgruppen der Volksschauspiele sowie mehrere Chöre runden die Aufführung ab. (Andreas Jüttner)

 

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