Badisches Tagblatt, 18. Mai 2016

Kanonenknall und Nächstenliebe

Rund 60000 Eintrittskarten für den 110. Theatersommer auf Deutschlands größter Freilichtbühne sind schon über den Tresen der Volksschauspiele gegangen. Aber Geschäftsstellenleiter Marc Moll kann alle, die sich noch kein Ticket gekauft haben, beruhigen: Für alle Termine sind noch Karten zu haben, sogar für die Premiere des Hauptstücks Les Misérables (11. Juni) nach dem Roman von Victor Hugo und für die Wiederaufnahme der Kleinen Hexe“ (ab 9. Juli).

Los geht es auf dem Tellplatz der Volksschauspiele in diesem Jahr aber schon vorher. Am 28. Mai findet das Internationale Chorfestival Baden dort seinen krönenden Abschluss und tags darauf, am Sonntag, 29. Mai, feiern die Volksschauspiele ab 11 Uhr mit einem großen Theaterfest ihr 110-jähriges Bestehen. Bei freiem Eintritt erleben die Theaterfreunde dann unter anderem eine Bühnenshow mit vielen Höhepunkten vergangener Spielzeiten, Führungen hinter die Kulissen und eine Kostümversteigerung.

Die Premiere von Les Misérables ist eigentlich sogar eine Uraufführung. Denn Regisseur Peter Lüdi hat eine ganz neue Bühnenfassung des mehrfach verfilmten Revolutionsstücks geschrieben, in der die Ötigheimer alle ihre Register ziehen können: Reiterei, Ballett, mehrere Chöre, Barrikadenkämpfe, Pulverdampf und Kanonenknall. Lüdi verspricht eine actionreiche Inszenierung mit komödiantischen Elementen. Rund 400 Mitwirkende sind dabei. Letztlich gehe es aber um ein ernstes Anliegen: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gepaart mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Wichtig: Es handelt sich nicht um die bekannte Musicalversion des Hugo-Stoffs. Trotzdem spielt die Musik eine Hauptrolle. Komponist Hans Peter Reutter hat sie im Auftrag der Volksschauspiele eigens geschaffen (wir berichteten). Und der musikalische Leiter der Volksschauspiele, Ulrich Wagner, spielt sie seit gestern mit der Baden-Badener Philharmonie ein. Die Klänge verstärken nicht nur die Wirkung der Emotionen, sagt Peter Lüdi, sondern Musik und Gesang sollen auch echte dramaturgische Elemente der Inszenierung sein.

Die Musiker und Sänger sind diesmal also gefordert in Ötigheim. Das gilt auch für das zweite Abendstück der Saison, das diesmal ein waschechtes Musical ist. Und was für eins. Kiss me, Kate von Cole Porter (ab 6. August) ist für Regisseur Stefan Haufe eine der wunderbarsten Komödien, die es in der Musicalliteratur gibt. Schon seit November laufen die Proben für die choreographisch anspruchsvollen Parts. Die Darsteller versprechen spritzige Texte, virtuose Tanznummern, eine freche Geschichte und die quirlig-komische Bühnenhandlung eines Musicals, das allein in seiner ersten Laufzeit auf dem Broadway auf mehr als 1000 Vorstellungen kam. Regisseur Haufe war in Ötigheim schon für die Inszenierungen Schwarzwaldmädel (2013) und im vergangenen Jahr für Die Passion verantwortlich.

Im letzten Sommer haben längst nicht alle, die das Kinderstück Die kleine Hexe sehen wollten, eine Karte ergattern können. Doch es gibt Hoffnung: Die Volksschauspiele haben das vergnügliche Schauspiel für die ganze Familie erneut ins Programm genommen. Ab 15. Juli gibt es vier Aufführungen. Matthias Götz hat den Kinderbuchklassiker von Otfried Preußler über die kleine Hexe und den Raben Abraxas auf die Bühne gebracht und freut sich auf die Wiederaufnahme. Für besonderen Theaterspaß sorgten schon 2015 die einfallsreichen Kostüme und überraschenden Requisiten von Ulrike Weßbecher. Nun haben die Verantwortlichen aber festgestellt, dass Kinderdarsteller in einem Jahr ganz schön wachsen können. Der Regisseur nimmt das locker: Jetzt geht der große Kostümtausch los. Für die Großen muss das eine oder andere Gewand aber sicher neu geschneidert werden.

Hexen kann man übrigens auch bei den beiden Festlichen Konzerten der Volksschauspiele am 22. und 23. Juli begegnen. Märchen lautet diesmal das Thema. Da konnte Dirigent Ulrich Wagner natürlich aus dem Vollen schöpfen, denn gerade die Opernliteratur ist ja voll von Trollen, Feen, Meerjungfrauen, Prinzen und Prinzessinnen. Unter seiner Leitung spielt das Orchester Werke von Humperdinck, Rossini, Lortzing und vielen anderen. Der Tanznachwuchs unter der Leitung von Andrei Golescu und Julia Krug zeigt sich in Tschaikowskys Dornröschen. Und auch die Chöre der Volksschauspiele kommen zu ihrem Recht. Ehrensache, dass es zum Abschluss wieder ein Feuerwerk gibt.

Tradition auf der Freilichtbühne haben auch die Gastspiele. Diesmal stehen auf dem auf dem Programm: ORSO – Rock Symphony Night IV am 10. August, Magic of the Dance am 16. August, Adoro am 17. August sowie Marshall und Alexander am 23., 24. und 25. August.

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