Konradsblatt, 7. Juni 2015

Jesu letzte Tage auf der Bühne

Einzug in Jerusalem, Abendmahl, Kreuzigung: Wenn am 14. Juni die Saison in Ötigheim beginnt, geht es um die wichtigsten Erzählungen der Evangelien. Die Volksschauspiele führen die Passion auf. Das Spiel um Leiden und Tod Jesu hat dort Tradition.

Der Teufel steckt in der Ötigheimer Passion. Und zwar leibhaftig. Luzifer mischt mit, in dieser Version des Leidens und Sterbens Christi, die dieses Jahr wieder auf die Freilichtbühne kommt. Er bringt Judas dazu, Jesus zu verraten. Er schaut sich, hässlich grinsend, das Treiben der Hohe Priester an. Und er verspottet den Sohn Gottes beim Gebet am Ölberg. Der Teufel ist Beobachter, aber auch treibende Kraft in diesem Spiel. Er ist ein Verführer, die Versuchung ein Strippenzieher, beschreibt ihn Stefan Haufe, der Regisseur – ein besseres Kompliment hätte er dem Leibhaftigen wohl nicht machen können. Die Passion, sie hat in Ötigheim Tradition. Seit der Premiere 1948 steht das Stück immer wieder auf dem Spielplan der Freilichtbühne, zum letzten Mal im Jahr 2000. Es ist das Vermächtnis des Gründers, denn den Text schrieb Josef Saier. Der Pfarrer von Ötigheim weckte sozusagen die Theaterlust in den Menschen des kleinen Ortes zwischen Rastatt und Karlsruhe. Seit 1906 steht deshalb fast der ganze Ort auf der Bühne.

Er habe, schrieb Pfarrer Saier 1949, anfänglich Hemmungen und Befürchtungen gehabt, den biblischen Stoff anzugehen. Aber allmählich sei ihm die Arbeit an diesem erhabenen Gegenstande eine reine, große Freude geworden. Josef Saier war ein Verkündiger, sagt Erich Penka, sein heutiger Nachfolger auf der Pfarrstelle: Und er war Pfarrer, der jeden Sonntag mit seiner Gemeinde den Gottesdienst feierte.

Deshalb habe Saier eben auch die Passion nicht als etwas Vergangenen darstellen wollen. Er montierte deshalb einige Bestandteile der heiligen Messe in sein Spiel, Kyrie, Gloria, Sanctusgesänge. Das Passionsspiel vertieft, was wir in jeder Messe begehen. Saiers ursprüngliche Version dauerte fünf Stunden, was viel zu lang ist für ein Theaterstück. Deshalb gab es immer wieder Kürzungen, schon bei der Premiere wurde nicht der ganze Text auf die Bühne gebracht. Das ist bei der aktuellen Aufführung 2015 nicht anders. Auch Regisseur Stefan Haufe hat in den Text eingegriffen. Er ist relativ stark bearbeitet worden, ohne die Wörter zu veränderen, sagt er. Im Gegenteil, er habe noch Texte dazugenommen, die in früheren Fassungen herausfielen. Die Szenen allerdings sind von ihm zum Teil neu gruppiert und die Abläufe verändert worden: Die Passion sei jetzt stringenter und dichter als vorher, so der Choreograf. Das Theaterspiel ist flüssiger. Damit sei Zeit gespart worden, ohne dass Inhalte verlorengehen. Die Passion, das ist für den Theatermann kein Stück, wie jedes andere. Denn es sei ein Text, der das Leben der meisten Menschen irgendwie berührt hat, egal ob sie gläubige Christen seien oder nicht. Was zwischen Palm- und Ostersonntag passiert ist, wisse jeder. Deshalb ist es so schwierig zu spielen, sagt der 52-Jährige – jeder hat ein Bild im Kopf und seine eigenen Erwartungen.

Josef Saier hat sich in seiner Passion nicht nur darauf beschränkt, nachzuerzählen, was zwischen Palmsonntag und Karfreitag geschah. Nach einem Vorspiel folgen drei Teile und vor allem der erste „Jesus lehrt und wirkt in der Welt“ bedient sich auch aus anderen Geschichten des neuen Testaments wie der Brotvermehrung. Saiers Bestreben sei es gewesen, der göttlichen Würde des im Leiden Erniedrigten gerecht zu werden und den übernatürlichen Charakter des passionalen Geschehens (…) hervortreten zu lassen, so der Autor. Deshalb die Engelschöre, die gerade den Beginn des Stücks bestimmen. Daher setzt er die Figur des Luzifers ein, die zum Bösen verführt und „sein Reich“ verteidigt. Für Erich Penka hat diese noch eine andere Bedeutung. Es ist eine heutige Gestalt, sagt der Ötigheimer Pfarrer. Saier wollte sein Spiel von anderen, eher historisierenden Passionen absetzten. Deshalb haben sie die Kulisse, die Kircheim Hintergrund stehen gelassen. All dies drückt aus, dass es für Gott mehr gibt als nur die vier Dimensionen, die der Mensch wahrnimmt.

Saier wusste, wofür er seine Passionsversion schrieb: Die Chöre, die große Bühne, all das typische von Ötigheim, hier kommt es zum Tragen. Die riesige Fläche aber will bespielt werden. Haufe musste sich bei seiner Inszenierung denn auch fragen, wo er die unterschiedlichen Szenen platziert, wo das Abendmahl, wo den Hohen Rat, wo die Kreuzigung. Und was mit den Tempeltänzerinnen passieren sollte, die Saier untergebracht hat – auch die Tanzgruppen haben in Ötigheim Tradition. Aber Tänzerinnen im jüdischen Gotteshaus fand Stefan Haufe dann doch irgendwie unpassend – auch wenn Haufe selbst Tanz studiert hat und aus einer Tänzerfamilie kommt. Seine Lösung: Er vererbte die Gruppe den Römern. Sie zeigt ihr Können im Umfeld des Pontius Pilatus. War der bisher eher ein dekadenter Herodesverschnitt, wird aus ihm in der Version 2015 ein Militär, der die Besatzungsmacht der Römer spürbar macht, so Haufe.

Doch trotz dem ganzen Bühnenzauber, den Reitern, Tänzern und Schauspielern, der Stoff ist nicht einfach – auch nicht für die Zuschauer. Es ist keine reine Unterhaltung, kein Schwarzwaldmädel, bei dem Stefan Haufe auch die Regie führte. Es geht um Leben und Tod. Die Passion ist, was den Kartenverkauf angeht, sicher ein finanzielles Wagnis für die Volksschauspiele. Die Verantwortlichen haben sich trotzdem dafür entschieden. Josef Saier hätte ihnen sicher zu diesem Entschluss gratuliert. Denn für ihn vermittelt das Stück den Besuchern, so schrieb er, ein tiefes, nachhaltiges, religiöses wie künstlerisches Erlebnis. (Thomas Arzner)

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