Badische Neueste Nachrichten, 18. Juni 2018

Immer am Schnurren

Die Premiere von Carl Zellers Operette Der Vogelhändler stand bei den Volksschauspielen Ötigheim unter einem guten Stern: Schönes, aber nicht zu heißes Sommerwetter, ein blauer Himmel, der sich im Laufe des Abends sanft eindunkelte, neben der tief hängenden Mondsichel ein früher Stern. Beste äußere Bedingungen also für eine gelungene Premiere auf der großen Freilichtbühne mit ihren beeindruckenden Bühnenbauten. Zellers Der Vogelhändler auf ein Libretto von Moritz West und Ludwig Held gehört zu den meistgespielten Operetten überhaupt. Inhaltlich gibt es einige Parallelen zu Mozarts und da Pontes Hochzeit des Figaro – Liebes- und Verwechslungsknoten über Standesgrenzen hinweg, eine betrogene Kurfürstin beziehungsweise Gräfin, eine aktionsreiche Handlung mit einer ordentlichen Prise Situationskomik, dann, nach all den Irrungen und Wirrungen, ein lieto fine, ein glückliches Ende. Die Kurfürstin greift ordnend ein, die richtigen Paare finden sich, Zeit für Jubel und ein großes Finale.
Groß in der Tat sind auch die Möglichkeiten, die ein Regisseur in der stimmungsvollen Freilichtbühne hat: Jede Menge Platz für üppig besetzte Volksszenen, Kutschen, Pferde, Eselchen, Gaukler, Jongleure und Ballett. Manfred Straube nutzt diese Möglichkeiten und liefert viel Futter für die Augen, aber er sorgt auch dafür, dass die Hauptpersonen immer gut zu sehen, ihre Beziehungen und Motive nachzuvollziehen sind. Bettina Scholzen richtete die Bühne ein, Peter Sommer entwarf die unzähligen farbenprächtigen Kostüme. Das Dirigat lag in den Händen von Ulrich Wagner, der nicht nur das komplexe musikalische Geschehen zwischen Bühne und Orchester souverän koordinierte, sondern auch mit zügigen Tempi die Handlung am Schnurren hielt. Dass es keine Sekunde Leerlauf gab, lag wohl auch daran, dass es im Vogelhändler wenig Dialoge gibt. Die Operette könnte mit ihren vielen Chören, Liedern, Duetten und Ensembles durchaus als Singspiel durchgehen, und so waren es vor allem die volksliedhaften Tonfälle, die Walzerlieder und großen Chorszenen, die überzeugten. Zum eindrucksvollen Klangerlebnis vereinigten sich der Große und der Junge Chor der Volksschauspiele Ötigheim, der Männergesangverein 1863 und der Frauenchor BelleAmie. Viel Lust am Komödiantischen versprühten die Gesangssolisten, allen voran die stimmlich und physisch ungemein bewegliche Lisa Hähnel. Ihre Christel hat Temperament, Feuer, Charme und Witz. Den Tiroler mit amerikanischen Wurzeln Adam verkörperte Beau Gibson, der die bekannten Walzerlieder Schenkt man sich Rosen in Tirol und Wie mein Ahnl zwanzig Jahr anrührend gestaltete. Clara-Sophie Bertram wurde jeder Facette der Kurfürstin Marie gerecht; sie überzeugte als Bauernmädchen und Landesmutter wie als liebende und eifersüchtige Ehefrau. Als geblüht der Kirschenbaum gestaltete sie zu einem noblen Ruhepunkt im turbulenten Treiben. Deutlich heruntergekommen sind die beiden Adeligen Baron Weps und Graf Stanislaus: Ihre komischen, aber auch ihre menschlichen Seiten verkörperten Reinhard Danner und Moritz Kallenberg aufs Vortrefflichste. Paul Hug und Julian Baumstark lieferten als Professoren eine wunderbare Satire ab, Martin Schulz überzeugte als rustikaler Dorfschulze. (Birgitta Schmid)

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