Badische Neueste Nachrichten, 30 .Mai 2015

Im Zweifel lockt der Apostel mit der Möhre

Aufgeregt scheint Fanny nicht zu sein, obwohl es gleich losgeht und die Sechsjährige eine im wahrsten Sinne des Wortes tragende Rolle beim diesjährigen Hauptstück der Volksschauspiele Ötigheim spielen wird. Denn Fanny hat die Ehre, Christusdarsteller Eric van der Zwaag auf ihrem Rücken zu tragen. Entsprechend trainiert die Eselin seit Tagen mit ihrem Besitzer Gustav Schäfer.
Schäfer kommt aus Bietigheim und hat es somit nicht weit in das Telldorf. Wenn er anreist, dann mit jede Menge Tieren im Gepäck. Denn für verschiedene Szenen der Passion werden in diesem Jahr auch Ziegen und Schafe benötigt. Einige von ihnen verfügen über reichlich Bühnenerfahrung, waren sie doch bereits im Kinderstück Heidi zu sehen. Das nutzen wir natürlich aus und lassen die erfahrenen Muttertiere vorangehen. Der Nachwuchs folgt dann meist automatisch, berichtet Gustav Schäfer. Trotzdem sind Tiere auf der großen Freilichtbühne nicht immer ganz einfach. Sie haben ihren eigenen Willen. Da müssen die Schauspieler oftmals flexibel reagieren, erzählt Gustav Schäfer. Da die Ötigheimer aber erfahrene Schauspieler sind, kennen sie natürlich die Tricks, mit denen man die vierbeinigen Mitspieler besonders motivieren kann: Wenn der Esel nicht laufen will, zeigt ihm ein Apostel-Darsteller hinter seinem Rücken eine leckere Möhre“, berichtet Rudi Wild und fügt hinzu: „Das hat bisher immer geklappt.
Neben den Vierbeinern werden in diesem Jahr auch Tauben eingesetzt. Sie spielen bei der Tempelstürmung eine wichtige Rolle. Fündig wurden die Volksschauspiele direkt im Ort, denn der Ötigheimer Werner Kostka züchtet Brieftauben, die sich für einen Auftritt auf dem Tellplatz wunderbar eignen, da sie während der Szene freigelassen werden. Der Weg nach Hause ist kurz und bisher haben alle Tauben ihn auch immer wieder gefunden, freut sich Rudi Wild. Die Tauben finden den richtigen Weg in den heimischen Schlag aber nur bei Helligkeit. Da die Tempelszene aber auch bei den Spätvorstellungen im ersten Teil des Stückes zu sehen sein wird, stellt das im Hochsommer kein Problem dar, berichtet Wild und fügt hinzu, dass auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Pferde über den Tellplatz galoppieren. Dies ist, neben den großen Volksbildern, eine absolute Stärke der Ötigheimer, auf die sich viele Besucher besonders freuen. Je wilder, desto besser. Aber: je wilder, desto mehr müssen die Darsteller achtgeben, dass sie die Pferde stets unter Kontrolle haben.
Wie die Tiere genau reagieren hängt auch davon ab, wie sehr sie sich in den Proben auf das ungewohnte Terrain gewöhnt haben. Deshalb ist es wichtig, alle Requisiten möglichst früh mit in die Szenenbilder einzubauen. Wenn ein roter Teppich mitten auf dem Weg bei der Probe nie vor Ort war, wird das Pferd bei der Premiere auch nicht darüber laufen, berichtet Rudi Wild. Denn ähnlich wie die menschlichen Darsteller haben auch die tierischen vor ihrem Auftritt vor bis zu 4 000 Besuchern mächtig Lampenfieber. Gustav Schäfer versucht deshalb, seine Ziegen und Schafe ebenso wie Esel Fanny bestmöglich auf ihren großen Auftritt vorzubereiten. Dies gelingt durch tägliches Training und die Ansprache der Tiere mit ihrem Namen. So kann auch während den einzelnen Szenen schnell reagiert werden.
Tierische Darsteller sind bei den Volksschauspielen bei fast jeder Aufführung gefragt. Während Pferde, Ziegen und Schafe relativ oft dabei sind, konnten in den letzten Jahren auch Hunde und Gänse begeistern. Der größte tierische Darsteller war laut Rudi Wild aber ein Kamel, das 1984 bei „Josef von Ägypten“ eingesetzt wurde. Wir hatten das damals von einem Zirkus für die Saison ausgeliehen, berichtet Rudi Wild und ist schon jetzt gespannt, welche tierischen Darsteller die Regisseure in den kommenden Jahren wünschen: Bisher konnten wir fast immer helfen, lacht Rudi Wild. (Stephan Friedrich)

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