Badisches Tagblatt, 10. Juni 2015

Ich muss nicht, ich darf

Sein Amadeus ist zwar gerade auf Hochzeitsreise, und mit den Proben wird er erst nach der Premiere der Passion richtig loslegen können, aber trotzdem ist Peter Lüdi sehr entspannt. Amadeus von Peter Shaffer dürfte so etwa die 200. Inszenierung des leidenschaftlichen Theatermanns sein – so genau weiß es der ehemalige Intendant des Theaters Baden-Baden nun wirklich nicht mehr, denn an den unterschiedlichsten Bühnen hat der nunmehr 75-jährige gebürtige Berner gearbeitet – und immer gern open air, wie er betont. Natürlich hat er sowohl in Ettlingen als auch in Ötigheim bereits mehrfach inszeniert, zuletzt den Glöckner von Notre Dame bei den Volksschauspielen.

Es ist eine ganz besondere Herausforderung, sich den örtlichen Gegebenheiten, dem Wetter oder Störfaktoren in der Nachbarschaft zu stellen – gerade, weil heute die ausgereifte Bühnentechnik in den Theatern fast jeden Wunsch erfüllen kann, meint Lüdi. So wird er sich auch beim „Amadeus“ mit der Architektur der „Passion“ arrangieren müssen. 30 üppig ausgestaltete Rokoko-Stühle werden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Wie lässt sich überhaupt dieses in Passagen fast kammerspielartig angelegte Stück um die angebliche Vergiftung Wolfgang Amadeus Mozarts durch seinen Erzfeind und Konkurrenten Antonio Salieri auf die riesige Freilichtbühne bringen? Peter Lüdi setzt vor allem auf die Atmosphäre: „Der ,Amadeus‘ ist unser Abendstück, am helllichten Tag würde er an Wirkung einbüßen – und dann habe ich in Sebastian Kreutz einen wunderbaren Salieri!“

Die Rolle des von Hass, Ehrgeiz und grenzenloser Bewunderung für den genialen Mozart zerfressenen Komponisten ist als einzige mit einem professionellen Darsteller besetzt. Der ehemalige Karlsruher Staatsschauspieler habe sich optimal in das Ötigheimer Ensemble eingefügt – für ihn eine ganz neue und oft überraschende Situation, da er bisher noch nie mit Laien zusammengearbeitet habe. Er ist von dem Einsatz und den Entwicklungsmöglichkeiten der Truppe genauso begeistert wie ich!

Als schön, aber auch sehr anstrengend beschreibt der Regisseur diese Zusammenarbeit, die für ihn auch nach mehr als 30 Jahren Ötigheim-Erfahrung nie zur Routine wird. Ich bin immer noch sehr neugierig, schmunzelt Lüdi – und dabei sehr gelassen. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, ich darf inszenieren – ich muss nicht! Immer noch empfindet er seinen Beruf als wunderbar – trotz aller Härten und Einschränkungen des Theaterlebens. Wenn mich aber jemand fragen würde, ob er zur Bühne gehen soll, würde ich mit einem ,Nein‘ antworten – wer das erst fragen muss, hat nicht das Feuer in sich, um sich durchzusetzen!

Dass sich sein Amadeus auch auf der Ötigheimer Freilichtbühne durchsetzen wird, steht für Lüdi außer Frage: Das Stück ist einfach großartig! Dass viele Menschen noch die herrlichen Bilder der gigantischen Miles Forman Filmfassung vor Augen haben, sieht er nicht als Risiko – ganz im Gegenteil! Wir haben das beim ‚Namen der Rose‘ erlebt, die Leute sind einfach neugierig, wie so ein Filmstoff sich auf der Freilichtbühne umsetzen lässt. Das gilt für Ötigheim ganz besonders – hier kommen ja nicht die typischen Theatergänger her, sondern häufig Menschen, die sich fast nie ein Stück auf einer Bühne ansehen.

Und wer nach Ötigheim kommt, ist immer auf die ganz besonderen Stars gespannt – die Volksschauspiel-Pferde. Auch diese Erwartung wird Lüdi erfüllen – schließlich sauste Mozart in einer eigenen Kutsche durch Wien! Eine weitere Pferdenummer, die die Besucher erwartet, soll jetzt noch nicht verraten werden. (Irene Schröder)

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