Badisches Tagblatt, 18. Januar 2017

Humor, Ironie und Tiefgang

In der Talentschmiede der Volksschauspiele dreht sich momentan alles um eine hübsche Jungfrau in Lebensgefahr, einen hehren Recken und einen dreiköpfigen Lindwurm. Die junge Riege von Akteuren im Telldorf steckt mitten in den Proben für das politische Märchen Der Drache.

Es ist keine Geschichte für Kinder, aber auch kein Psychodrama, sagt Regisseur Sebastian Kreutz. Viel Humor, Ironie und Tiefgang verpackte der sowjetische Autor Jewgeni Schwarz in seine um 1943 entstandene Story, die im Stalin-Regime nach zwei öffentlichen Generalproben verboten wurde. Schwarz thematisiert in seinem Stück Gerechtigkeit, Zivilcourage und die Frage, inwieweit Einzelne etwas verändern können.

Für die „Kleine Bühne“ adaptierte Kreutz die Parabel vom Umgang mit dem Druck von oben als ein Spiel, das aus etlichen Katastrophen mit viel Humor besteht. Zeitlos und aktuell ist Der Drache allemal, denn Drachen in Menschengestalt gibt es überall, sieht man nur genau hin, wie es einer Ankündigung der VSÖ heißt.

Zwar ist der Lindwurm im Stück die zentrale Figur, aber es geht um alle anderen Charaktere um ihn herum, erklärt Kreutz. Ist der Recke wirklich der helfende Held oder hat er andere Absichten? Will die holde Jungfrau überhaupt gerettet werden? Strebt die Stadt tatsächlich nach Befreiung von dem Untier? Humorvoll beleuchtet die Geschichte den Menschen als Gewohnheitstier, der ungenügende Situationen kritisiert, dem es jedoch schwerfällt, den Mut zu finden, dem gewohnten Trott zu entfliehen.

Der Mensch ist ein Wesen voller Widersprüche, sagt Kreutz. Fans der Volksschauspiele ist er spätestens seit Les Misérables ein unvergesslicher Begriff. Seine Darstellung des Monsieur Thénardier war überragend. Vor zwei Jahren stand er als Antonio Salieri in Amadeus auf dem Tellplatz, zeigte mit der brillanten Verkörperung des vor Neid zerfressenen Komponisten, was ein Mime draufhat, der den Titel Staatsschauspieler trägt.

Dem Ötigheimer Schauspielnachwuchs begegnet Kreutz als Regisseur sowie als Sprach- und Stimmcoach jovial auf Augenhöhe. Die Arbeit mit Seb ist viel wert, sagt Lukas Tüg. Dieses Empfinden fange bereits bei den Entspannungs- und Lockerungsübungen vor der eigentlichen Probe an. Man lernt über sich selbst viel Neues, wächst ein Stück weit über sich hinaus, weil man sich Dinge traut und selbstbewusster wird, erklärt Madeleine Kühn. Melanie Thilenius hat die Erfahrung gemacht: Wir sprechen nicht einfach den Text, sondern lernen, eins zu werden mit der Person, die wir darstellen, bringen dabei aber auch einen Teil von uns selbst ein. Bei Der Drache sind die Drei Teil der sechsköpfigen Soundgruppe, die alle Geräusche für die Aufführung macht. Dazu gehört das schreckliche Brüllen des Untiers ebenso wie das mächtige Rauschen seiner Schwingen beim Flug über die Stadt.

Neben dem Sound gestalteten die jungen Leute das Layout des Programmfaltblatts und sind auch außerhalb des Scheinwerferlichts in Regieassistenz und Soufflage aktiv. (Manuela Behrendt)

zurück zum Pressespiegel