Badisches Tagblatt, 24. Juli 2017

Heiter gestimmte Klassik-Hits

Nein, der Strauß-Walzer Mit Blitz und Donner war es nicht, der dem Festlichen Konzert auf Deutschlands größter und schönster Freilichtbühne als Motto diente. Es war der berühmte Konzertwalzer Rosen aus dem Süden, der dem feucht-fröhlichen Vergnügen das Thema vorgab für ein ausgedehntes Ohren- und Seherlebnis dank der Ballett-Formationen, den Chören und des bestens aufgestellten Orchesters der Volksschauspiele Ötigheim unter der Leitung von Ulrich Wagner.

Die Fanfaren der Blechbläser zur Verdi-Ouvertüre Die Macht des Schicksals kündigten es schon an, was hier den Besucher im vollbesetzten Rund erwartete – nämlich große Leidenschaften aus der Opern- und Operettenwelt. Inklusive dramatischer Szenen, die sich am Freitagabend am Himmel darüber abspielten. Das scheint aber den Moderator Reinhard Danner kaum davon abzuhalten, mit Geist und Witz durch das südliche Programm der Extraklasse zu führen. Das Solisten-Quartett, bestehend aus der Sopranistin Myriam Mayer, des Mezzos Sarah Hudarew, und den beiden Tenören Max Friedrich Schäffer und Andrea Shin, der kurzfristig für einen erkrankten Kollegen einspringen musste, lässt wahrlich keine gesanglichen Wünsche offen. Die Ötigheimer sind bei der Suche nach vokalem Ersatz auf ihn gestoßen, weil er, wie der verschmitzte Moderator bemerkte, in der Nähe wohne. Naja, Hannover scheint doch eher im nördlichsten Zipfel Badens zu liegen! Jedenfalls überzeugte der schon vom Badischen Staatstheater Karlsruhe bekannte Koreaner mit seiner fülligen Stimme nicht nur im Duett Gia nella notte densa aus der Verdi-Oper Otello seine Partnerin Myriam Mayer, sondern auch das begeisterte Publikum. Es ist eine Liebeserklärung an Desdemona, ein Schmachtfetzen, sodass selbst der Wettergott tief berührt vorerst die Unheil verkündenden Wolken auseinander schiebt. Dass danach Ballettmusik gerade aus Rossinis? Wilhelm Tell erklingt, macht hier, auf dem Tellplatz, natürlich Sinn. Dabei dürfen auch die Nachwuchs-Ballerinen ihre Anmut zeigen. Schon im Intermezzo aus Mascagnis Oper Cavalleria rusticana lässt die ausgeklügelte Choreografie von Julia Krug und Andrei Golescu die Tänzerinnen das Geschehen bildhaft auf die Bühne bringen. Ein Vorgeschmack auf die nächste Saison wird serviert, nämlich Arien und Szenen aus Carl Zellers unverwüstlicher Operette Der Vogelhändler.

 

Das sind Appetit-Häppchen, die jetzt schon ziemlich nahrhaft sind. Wenn Tenor Max Schäffer bis zur Premiere im nächsten Jahr seine Stimme noch schult, könnte es ein Erlebnis werden. Bei Schenkt man sich Rosen aus Tirol steht längst auch der Riesenchor auf der Bühne, der sich zuvor bei Hurrah, Hurrah höchst eindrucksvoll präsentiert hat. Dabei war nicht unbedingt das Geschehen am Himmel gemeint, der sich nun mit äußerst feuchten Ergebnissen ins Konzert einmischt.

Wer sich beim Pausen-Sekt nicht hurtig unter ein schützendes Dach begibt, wird mit Schorle verwöhnt. Die Choreografie des Balletts erfährt auch eine unfreiwillige Erweiterung. Die Tanzbühne wird zur Schaubühne von kräftigen Männern mit Wasserschiebern. Trotz dieses Einsatzes ergeben sich die Tänzer danach mutig in die Fluten, die ihre Tutus durchnässen. Derweil wischt Bernd Kölmel seelenruhig seine Paukenfelle trocken – immerhin sitzt das Orchester unter einem schützenden Dach. Komik pur: Die Choreografie sieht eine Begießung vertrocknender Rosen vor. Das perfekt agierende Ensemble lässt sich von der Himmelsflut aber nicht beeindrucken.

Die Tenor-Arie O sole mio passt irgendwie auch wunderbar zu dieser Flut. Tenor Shin schmettert gegen die Unbilden des Himmels an, dass fast schon sonnige Urlaubsstimmung aufkommt. Der lautstarke Applaus am Ende für alle Mitwirkenden wäre auch bei normalen klimatischen Verhältnissen angebracht gewesen. Aber etwas fehlt noch in Ötigheim. Na klar, das Feuerwerk! Keine Ahnung, wie sie das hinbekommen. Aber bei Ravels Bolero zischt, blitzt und funkt es mächtig – dieses Mal unten auf der Bühne. Viele der Darsteller sind zwar bis auf die Haut nass, aber sich eines Auftritts bewusst, der so schnell nicht vergessen wird. (Udo Barth)

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