Badisches Tagblatt, 3. Juni 2015

Heilige Schlichtheit und zauberhafte Details

Was, kein fesches Dirndl wie beim ,Schwarzwaldmädl vor einem Jahr?: Eine kleine Ötigheimerin schaut dann doch etwas enttäuscht an ihrer Mama hoch. Gemeinsam sind Mutter und Tochter in die Kostümschneiderei der Volksschauspiele gekommen, um sich für die Passion einkleiden zu lassen – das Hauptstück der Saison, das am 14. Juni auf Deutschlands größter Freilichtbühne Premiere feiert.

Klar: Im Heiligen Land vor 2000 Jahren trug noch niemand ein Dirndl. Da kann Schneiderin Christel Wild leider keine Ausnahme machen. Dafür haben sie und ihre drei Kolleginnen Ulrike Heck-Petri, Petra Schorpp und Patrizia Engel aber jede Menge passende Kostüme für das biblische Drama parat, die in die Zeit passen. Ocker und Beige, sonst in Ötigheim eigentlich die klassischen Farben für Stücke, die in der Welt der Antike spielen, sind dieses Jahr aber weitgehend passé. Regisseur Stefan Haufe und Kostümbildner Peter Sommerer setzten bei der Neuinszenierung des Ötigheimer Traditionsstücks aus Josef Saiers Feder auf Blau- und Grautöne für die Statisterie und die Chorsänger.

Der Große Chor der Volksschauspiele wurde für diese Produktion von Akteuren des Männergesangvereins auf etwa 230 Personen verstärkt. Außerdem fiebert noch der Junge Chor mit etwa 50 Kehlen seinen Einsätzen entgegen. Zwischen 14 und 40 sind die Jungsänger alt. In den Volksszenen wirken aber alle Altersklassen mit: Von drei Jahren bis oben offen, erklärt Rudi Wild, der Ehemann von Christel und als Vorstandmitglied der Volksschauspiele zuständig für den Spielbetrieb.

Und so hängen im Fundus für die „Passion“ große und kleine, lange und kurze Gewänder. Die blauen sind für die Volksszenen, die weißen kommen zum Einsatz, wenn die Engels-Chöre auftreten. Und eine Treppe tiefer probieren zwei junge Männer leicht amüsiert rote Unterröckchen und die Rüstungen der römischen Soldaten an, die bei einer Passion natürlich auch nicht fehlen dürfen. Eine lange Tradition haben Brustpanzer und Helme, weiß Christel Wild, die seit 30 Jahren Kostüme für die Volksschauspiele schneidert und gar seit 60 Jahren für die Freilichtbühne aktiv ist. Das blecherne Heldengeschirr stammt nämlich aus den 1950er Jahren und soll nun mit frischem Lack aufgefrischt werden.

Ganz neu und für die Hauptdarsteller von Amadeus auf den Leib geschneidert sind dagegen die Rokoko-Kostüme, die bei der zweiten abendfüllenden Neuproduktion ab 7. August zum Einsatz kommen. Sie sind nicht nur sprichwörtlich aus Samt und Seide. Die kostbaren Gewebe beziehen die Volksschauspiele von einer auf Theaterstoffe spezialisierten Firma. Genäht ist dann aber alles selbst. Besonders die aufwendig bestickte Seide von Constanzes Kleid wäre es eigentlich wert, aus der Nähe betrachtet zu werden. Leider sind die Ötigheimer Kostüme aber auf Fernwirkung konzipiert.

Trotzdem scheinen die Schneiderinnen auf dem Tellplatz durchaus Sinn fürs Detail zu haben. Anders ist es nicht zu erklären, wie ausgefallen gerade die Gewänder für die Kleine Hexe dekoriert sind. Das Kinderstück ist ab dem 11. Juli zu erleben. Jede der Zauberinnen ist mit anderen Attributen ausstaffiert, die Umsetzung der ausgefallenen Ideen muss den Damen an der Nähmaschine großen Spaß gemacht haben.

Anders wäre der enorme Aufwand wohl auch nicht zu erklären. Denn in den Kostümen der Volksschauspiele steckt mehr Arbeit, als sich der Theaterbesucher an so einem Ötigheimer Freilichtabend gemeinhin vorstellt. Gerade bei nassem Wetter müssen zudem alle Kostüme über Nacht in Windeseile gewaschen, im Trockenraum mit Warmluftgebläse getrocknet und anschließend sogar noch gebügelt werden, damit das Publikum bei der nächsten Vorstellung wieder Darsteller wie aus dem Ei gepellt erleben kann. Die Prozedur haben Christel Wild und ihre Kolleginnen mehr als einmal mitgemacht, wie man sich denken kann. Deshalb hoffen sie auch ganz besonders auf gutes Wetter für die Ötigheimer Freilichtsaison 2015.

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