Badische Neueste Nachrichten, 1. Juni 2016

Hauptberuf hilft beim Rollenspiel

Der junge Mann ist neugierig: Er schaut direkt in die Kamera, kommt mit seinem Maul näher und knabbert auffordernd am Handgelenk. Nein, Tornado, lass´ das, die Dame hat da keine Leckerlis. Matthias Götz lacht, tätschelt dem sechsjährigen Wallach Tornado liebevoll den Hals und legt weiter das Zaumzeug an. Es muss ganz genau sitzen, damit das Pferd keine Druckstellen bekommt und auch richtig reagiert.
Matthias Götz spielt in der Inszenierung auf der Ötigheimer Freilichtbühne von Les Miserables den Polizeioffizier Javert. Er konnte zwar reiten, aber zu seinem Tagesgeschäft gehörte es nicht. Das ist mit der Übernahme dieser Rolle anders geworden: Jetzt schaut er ein- bis zweimal Mal pro Woche bei Tornado im Stall des Ötigheimer Reitervereins vorbei, mistet aus, striegelt und übt. Ich muss die Befehle für die Gangart mit Körpersprache, also Schenkeldruck oder Anziehen und Lockerlassen der Zügel geben. Wir tragen ja alle ein Mikrofon und da hört man halt jedes Wort. Und hat natürlich immer Leckerlis für Tornado dabei, der als eines der drei Schulpferde des Reitervereins im Stall steht. Reitstunden hat er selbstverständlich auch genommen, denn es ist schon etwas anderes, ob ich im Pulk mit reite oder als Offizier voran stürme.
Der Sattel liegt richtig, wird festgezurrt und jetzt darf Tornado in der richtigen Tasche nach einem Leckerli suchen. Es geht nach draußen, Matthias Götz steigt auf und reitet sein Pferd und sich auf dem Trainingsplatz warm, bevor es auf die Bühne geht. Tornado tänzelt ein wenig, als er auf den Vorplatz des Tellplatzcasinos einreitet und nimmt Anlauf in Richtung Torbogen, der auf die Freilichtbühne führt. Dort bleibt er erst mal stehen, hebt den Schweif und …. Da hat er noch ein bisschen Angst, das macht er jedesmal, das sind seine Angstäpfel, lacht Matthias Götz und reitet mit Tornado die Bühne ab in den verschiedenen Schrittarten, die bei der Aufführung auch gefordert sind. Für Tornado ist es das erste Mal, dass er auf der Bühne steht, so sein Reiter. Er ist noch etwas ängstlich, aber jung und neugierig und wir vertrauen einander.
Gesucht und gefunden oder Liebe auf den ersten Blick, so beschreibt der Schauspieler, der im anderen Leben den Zoll am Airpark Söllingen leitet, das Verhältnis. Auch sein Hauptberuf hilft ihm beim Ausfüllen seiner Rolle: Selbst wenn er nur die Stiefel trägt und ansonsten Alltagskleidung, ist sein Gang, seine Haltung militärisch straff und gerade. Regisseur Peter Lüdi hat ihn gefragt, ob er die Rolle des Polizeioffiziers Javert, des großen Gegenspielers der Hauptfigur Jean Valjean, übernehmen möchte. Eine sehr schöne Rolle findet Matthias Götz, der seit 40 Jahren in Ötigheim auf der Bühne steht und dem Regisseur deshalb bestens bekannt ist.
Sie sei nicht eindimensional böse, sondern ein Charakter, der sich entwickelt und letztlich an seinen eigenen Anforderungen zu Grunde geht. Auch dass es in Javerts Leben durchaus Parallelen zu Jena Valjeans gebrochenem Lebenslauf gibt, habe ihn gereizt und sehe er als schauspielerische Herausforderung. Fünf Auftritte hat er mit seinem Pferd, davon auch im Galopp, und einmal muss er der Reitertruppe vorangaloppieren. Spannend werde es, wenn er im Polizeimantel aufsitzt, das sei noch einmal eine andere Erfahrung für das Pferd, so Matthias Götz. Üben ist deshalb angesagt, damit die Grundlagen sitzen, das Vertrauen zwischen Pferd und Reiter gefestigt ist.
Tornado hat noch genügend Überraschungseffekte, auf die er sich einstellen muss: Die vielen Menschen, das Licht am Abend, die Musik, alles ist neu für ihn. Aber er schafft das“, sagt Matthias Götz und streichelt über den Kopf seines Pferdes. Er ist klug und neugierig und wir sind ein tolles Team. (Martina Holbein)

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