Badisches Tagblatt, 17. Juni 2013

Happy End für das Lumpenprinzessle

Ganz Ötigheim ist im Schwarzwaldmädel auf der Freilichtbühne. Die Tanzgruppen, der Musikverein und vermutlich sämtliche Mitglieder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele Ötigheim. Mit ihrer Hilfe lässt Regisseur Stefan Haufe im fiktiven Schwarzwalddorf St. Christoph ein ausgesprochen lebendiges und unterhaltsames Treiben herrschen. Im Blauen Ochsen steppt der Bär, an den Tischen auf der Terrasse tummeln sich Touristen, und immer wenn die Tür aufgeht, hört man feuchtfröhliche Trinklieder. Als besonderes Schmankerl hat Bühnenbildnerin Bettina Scholzen einen fetten Vogel unter das Dach des Blauen Ochsen gezaubert, der Kuckuck ruft.

Das Ötigheimer Schwarzwaldmädel zeichnet sich durch viele amüsante Details aus. Ein perfekter Hintergrund für das spielfreudige Ensemble aus Ötigheim und ein paar sangeskundige Profis. Die Mischung passt. Amateure und ausgebildete Opernsänger zeigten sich in der Premiere der Operette nahtlos aufeinander eingespielt.

Edwart Gauntt vom Badischen Staatstheater Karlsruhe fühlt sich in der Rolle des Domkapellmeisters Blasius Römer sichtlich wohl. Ihm nimmt man ab, dass Blasius Römer sich für vital und attraktiv genug hält, um als Mann für das junge Bärbele interessant zu sein. Eigentlich ein tragisches Missverständnis, denn Bärbele wollte mit ihrem spontanen Kuss nichts weiter ausdrücken, als dass sie ihn mag – als Vaterersatz.

Zwar hat Bärbele, als Lumpenprinzessle verschrien, in St. Christoph au dem Heiratsmarkt keine Chance. Selbst zum Tanz am Cäcilienfest traut sie sich nur in einer geliehenen Festtagstracht. Aber die zwei Wandervögel aus Berlin sind da weniger engstirnig. Hans und Richard kommen getarnt als reisende Musikanten beim Domkapellmeister unter. Tatsächlich sind sie auf der Flucht vor Malwine. Die kommt natürlich auch nach St. Christoph, standesgemäß in der Kutsche mit zwei Schimmeln. Malwines kleines Gepäck sorgt für Heiterkeit.
Die Ötigheimer Inszenierung unterstreicht gekonnt den Kontrast zwischen den Städtern und der Landbevölkerung. Annette Postel ist ganz die mondäne Blondine, die ihren Charme gezielt einsetzt. Ihre Duette und Szenen mit Reinhard Danner, der den Richard spielt, haben Schwung. Schnell wird klar, dass Malwine sich mit Richard tröstet, denn der von ihr anvisierte Hans hat sich in Bärbele v verliebt.

Christina Gailfuß zeichnet das Bärbele überzeugend als herzensgutes, naives Kind vom Lande. Dem Aschenputtele aus dem Schwarzwald gönnt man das Happy end mit dem in Gesang und Darstellung souveränen Wolfram B. Meyer als Hans.

So richtig Farbe bekommt die Handlung durch die skurrien Nebenrollen. Paul Hug gibt einen ausgesprochen präsenten Ochsenwirt, dessen Lieblingsspruch das Publikum bald mitsprechen kann. Anna Hug als Tochter Lorle hat ihre eigene vergnügliche Romanze mit Theobald, herrlich schüchtern dargestellt von Felix Behringer. Charaktervoll spielt Ulrike Karius die hexenhafte alte Traudel, Bärbeles strenge Tante. Siegfried Kühn punktet im Genre des Operettenberliners, der auch ein paar aktuelle Seitenhiebe abfeuert, gegen Stuttgart sowieso, und das bis 2050 haltbare Kunstfleisch sorgt als Running Gag für Lacher.

Ulrich Wagner, auch eine Leihgabe des Badischen Staatstheaters, steht mit dem erweiterten Orchester der Volksschauspiele Ötigheim für Operettenklänge voll zündender Rhythmik. Der Ötigheimer Musikverein ist in die Handlung integriert und trägt musikalisch sehr zu einem stimmigen Lokalkolorit bei. Die Tanzgruppen präsentieren Volkstänze in Schwarzwälder Tracht, ganz klar, aber auch Einlagen im Stil von Musikrevuen.
Im Ötigheimer Schwarzwaldmädel zeigt sich, dass Masse auch Klasse haben kann, denn die Volksszenen mit den Kindern und den farbenfroh kostümierten Schwarzwaldbewohnen (Kostüme: Helmi Henssler) sind ein unverzichtbarer Bestandteil dieser Gute-Laune-Inszenierung. Einziger Nachteil: Alle Vorstellungen des Schwarzwaldmädel sind bis 1. September praktisch ausverkauft.

Auch  gestern Nachmittag ist das Schwarzwaldmädel auf der Freilichtbühne gespielt worden. In einer weiteren Besetzung singt Lisa Hähnel das Bärbele, Isabel Blechschmidt die Malwine von Hainau, Gerhard-Franz Brucker den Domkapellmeister und Roman Gallion den Hans. (Nike Luber)

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