Badisches Tagblatt, 20. Januar 2014

Hammelkomödie zum 50-jährigen Bestehen offeriert

Mit Sektempfang und erstklassig gespielter Premiere der Hammelkomödie feierten die Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ) am Freitag das 50-jährige Bestehen ihrer Talentschmiede Kleine Bühne. Ort des Geschehens war das Geburtstagskind, wo man seit einem halben Jahrhundert jungen Menschen die Freude zur Schauspielkunst ebnet, wie Bietigheims Bürgermeister Ernst Kopp namens der Josef-Saier-Stiftung hervorhob.

Imponierend beispielhaft für die Jugendförderung des Theatervereins stand die junge Bietigheimerin Judith Herz, die als Gesangssolistin, am Klavier begleitet vom musikalischen Leiter Ulrich Wagner, den Empfang im Ballettsaal bereicherte. Herz war im Kinderchor der VSÖ, erhält derzeit ihre stimmliche Ausbildung im Telldorf. Mit Solveigs Lied aus der Oper Peer Gynt und der ersten Adele-Arie (Die Fledermaus) raubte sie den Gästen den Atem.

Der Ötigheimer Bürgermeister Frank Kiefer blickte auf die bauliche Geschichte des kleinen Theaters. Für die Kleine Bühne sei ihr Standort im Ortskern in direkter Nachbarschaft zur Kirche der vollkommene Platz. Pfarrer Erich Penka würdigte in seinem Grußwort alle Beteiligten in unterschiedlichen Bereichen, welche Leiden und Segen der Einrichtung miterlebt hatten und aktuell miterleben.

Im Hinblick auf Akteure und Regisseure sah er in einer Waagschale ein begeistert applaudierendes Publikum, in der anderen Lampenfieber sowie die schweißtreibende und Nerven kostende Entwicklung eigener Fähigkeiten. Das Jubiläumsstück Die Hammelkomödie stehe laut Penka für die Grundfesten der VSÖ: Es spielen mehrere Generationen mit: Geschwister, Vater und Sohn, Freunde und Bekannte. Dem Stoff aus dem 15. Jahrhundert liegt die altfranzösische Posse La Farce de Maître Pierre Pathelin aus der Feder eines Unbekannten zugrunde. Sie wirft ein kritisches Auge auf das Sozialverhalten seinerzeit. Mit ihren Erkenntnissen ist die Farce brandaktuell. Es wird gelogen, betrogen, simuliert und geheuchelt. Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil aus. Darüber durfte bei der Jubiläumspremiere herzlich gelacht werden.

Ein intimes Theater mit kurzer Distanz zur Bühne birgt die Gefahr, dass der Zuschauer genau hinschaut, am schauspielerischen Geschehen teilnimmt und neben der maskenbildnerischen Arbeit hautnah die Mimik im Blick hat. Davor brauchten sich die Darsteller nicht zu scheuen. Die Aufführung hatte hohes Niveau, obgleich sämtliche Schauspieler theaterfernen Beschäftigungen nachgehen.

Als Amateurtheater sind die VSÖ längst nicht mehr zu bezeichnen. Dies bewies man am Freitag einmal mehr. Kurt Tüg stemmte die variationsreiche Hauptrolle des mit allen Wassern gewaschenen, faulen und verschuldeten Advokaten Patelin mit Links, bewegte sich authentisch und stark auf allen Niveaus der Überredungs- und Überlistungskunst. Seine Mitspieler standen ihm in nichts nach. Roman Gallion gab den geschäftstüchtigen Tuchhändler, der sich von Komplimenten und lockendem Gänsebraten hinters Licht führen lässt, mit naiver Noblesse. Lissi Hatz spielte Patelins Gattin mit der Aura einer langjährigen Ehefrau, die ihren Angetrauten in- und auswendig kennt, ihm zu Hause die Leviten liest, sich bei Bedarf schützend auf seine Seite schlägt.

Handarbeitlich geschickt erwies sich Maximilian Tüg im akkuraten Stricken von rechten Maschen als tumber, wortkarger Schäfer Lämmlin mit stoischer Miene. Am Ende ist er es, der dem Schlawiner Patelin mit dessen eigenen Waffen eine Lektion erteilt. Siegfried Kühn rundete das Mimenquintett als Richter ab. Mit hervorragendem Timing stattete Regisseur Hannes Beckert seine Akteure aus, führte sie mit präzise abgewogenem Tempo durch die verbalen Schlagabtausche. Gebannt hing man als Zuschauer am Geschehen, hatte genug Zeit, Pointen zu genießen und zwischen dem Lachen entspannt Luft zu holen. So geht großes Theater auf kleinem Raum

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