Badisches Tagblatt, 13. Juli 2015

Gute Hexen zaubern mit viel Gefühl

Nur eine schlechte Hexe ist eine gute Hexe…? Das soll einer verstehen, und weder die Kinder im weiten Rund der Ötigheimer Freilichtbühne noch die Kleine Hexe im Theaterstück stimmt mit der Meinung des Hexenrats überein. Matthias Götz hat das gleichnamige Kinderbuch von Otfried Preußler mit viel Liebe zum Detail inszeniert und darauf gesetzt, dass die bereits 1957 entstandene Geschichte mit ihrem zeitlosen Wahrheitsgehalt höchstens ein wenig Up-to-Date-Make-up benötigt. Auch Ulrike Weßbecher (Kostüme) und Bettina Scholzen, die für die Ausstattung verantwortlich ist, schlossen sich dem Regisseur an, und so mutet die ganze Szenerie auf der multifunktionalen Freilichtbühne an, als blättere man in einem klingenden und singenden Wimmelbuch.

Gar nicht satt sehen kann man sich an dem vielgestaltigen Bühnenbild, das in eine Zeit zurückversetzt, in der Hans Thoma, der Künstler aus dem Schwarzwald, die ländliche Bevölkerung in liebevollen Genrebildern verewigte. Kinder tanzen Reigen, der Chor singt mit prächtigem Wohlklang bekannte Volkslieder. Die Leute kleiden sich festlich, und Bürgermeister und andere Amtspersonen sind noch echte Autoritäten. Jagdhund Lucy lässt sich zwar nur mit Leckerlis zum Bleiben verlocken, aber Kalb Erna ist sich seiner tragenden Rolle bewusst. Es heißt, dass von den 4500 Einwohnern der Gemeinde rund tausend vor oder hinter den Kulissen der Ötigheimer Volksschauspiele aktiv sind; und diese Begeisterung springt auf das Publikum über.

Was es nun aber mit guter Hexe – schlechter Hexe auf sich hat, das haben sogar die Erwachsenen unter den Tausenden von Zuschauern gewusst, denn kaum einer ging durch seine Kindheit ohne die Lektüre von der kleinen Hexe. Um vor bösartigen Klischees zu warnen, macht Preußler diejenigen zu Helden seiner Geschichten, denen ein unheimlicher oder sogar gefährlicher Ruf voraus eilt, wie etwa dem Räuber Hotzenplotz, einem kleinen Wassermann und dem kleinen Gespenst – und eben auch den Hexen.

Diese hier ist erst 127 Jahre alt und somit im Kreise der alten Kräuter-, Wald-, Wetter- und Sumpfhexen unter der Kuratel der grimmigen Oberhexe noch ein Küken. Aber Isabel Beckert spielt keck und treuherzig ein ehrgeiziges Hexlein, das sich eifrig ins Studium seines Zauberbuchs vertieft, um die Prüfung zu bestehen und am Walpurgis-Tanz auf dem Blocksberg teilnehmen zu dürfen.
Vielleicht wäre sie im Alter so ein giftiges Luder geworden wie die Muhme Rumpumpel, die Oberste Wetterhexe (Ulrike Weßbecher), die sie mit ihrem Zauber-Smartphone ausspioniert. Doch der weise Rabe Abraxas, dem Tobias Kleinhans trotz sengender Hitze auf seinem schwarzen Federkleid die entsprechende Würde und Güte verleiht, lenkt die Erziehung der kleinen Hexe zum Positiven. Beim lauten Gekrächze des schwarzen Federviehs zeigt sich, dass man keine zu kleinen oder zartbesaiteten Kinder solchen Aufführungen aussetzen sollte. Sie verstehen nicht die etwas dialoglastige Handlung, und auch die Länge des Stücks kann ein zu kleiner Zuschauer kaum durchhalten.

Das Publikum insgesamt ist aber begeistert mitgegangen, freut sich an misslungenen, aber auch geglückten Zauberkunststücken, die zwar auch mal Klopapier und Wäscheklammern vom Himmel regnen lassen, aber auch zum wohl vieler Menschen funktionieren, und am Schluss zum Happy-End verhelfen. Denn das ist die Antwort auf die Eingangsfrage: Eine gute Hexe, vielleicht auch ein guter Mensch ist, wer sein Mitgefühl und seine Fähigkeiten einsetzt, um anderen zu helfen. Wer seine Macht missbraucht, andere ängstigt und ihnen schadet, na, dem muss man doch einfach Besen und Hexenbuch wegzaubern und ins Feuer werfen! (Gisela Brüning)

zurück zum Pressespiegel