Badisches Tagblatt, 3. April 2018

Großes Bühnentalent in den Genen

Anna, Eva und Rufina Beckert sind sich einig: Wir sind sehr stolz auf unseren Opa, verkünden sie unisono. Die 19-jährige Anna fügt an: Ich finde es toll, einerseits mit ihm als Opa Zeit zu verbringen, andererseits ihn in vielen Fragen rund um das Theaterspiel um Rat fragen zu können. Die Rede ist von Hannes Beckert, einem Urgestein der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ).

In über 100 Rollen glänzte Beckert, der auf seinen 70. Geburtstag im Mai zusteuert. Acht erfolgreiche Inszenierungen verantwortete er als Regisseur. Im realen Leben stand er im Polizeidienst. Auf dem Tellplatz und der Kleinen Bühne fand er in seiner großen Passion zum Theater den perfekten Ausgleich zum Job. Auf der Naturbühne leitete er das Spiel für Ben Hur (2001), Wilhelm Tell (2006) und Lumpazivagabundus (2012).

In der Kaderschmiede liefen unter seinen Anweisungen Andorra; außerdem Der kleine Kolumbus, Hotel zu den zwei Welten, Die Hammelkomödie und jüngst Otello darf nicht platzen.

Als Akteur ging neben seiner großen Wandlungsfähigkeit seine starke, verbale Ausdruckskraft unter die Haut. Mit seinem Theaterfaible steckte Hannes Beckert zunächst Tochter Isabel an, die wiederum ihren Ehemann Stefan Brkic an einem Ostermontag zu einer Volksprobe mitschleppte. Dieser nennt das einzigartige Miteinander auf dem Tellplatz als Grund, dass er bei den VSÖ hängenblieb. Er sagt: Mittlerweile sind wir als fünfköpfige Familie auf dem Tellplatz aktiv und verbringen so viel Freizeit miteinander. Isabel Beckert begleitete bereits im Kindesalter die Eltern auf die Freilichtbühne. Die Mutter sang im Chor und ist auch heute noch beim Postkarten- und Eisverkauf im Foyer dem Schauspielverein treu. Im Alter von sechs Jahren schloss sich die junge Isabel den Tanzgruppen an; berufsbedingt legte sie nach der Ausbildung bis zum Jahr 2001 eine VSÖ-Pause ein. In Schneewittchen war sie im Jahr 2008 die böse Königin, erlangte Aufmerksamkeit als Spartanerin Lampito in Lysistrata (2012) und brillierte 2015 in der Titelrolle der Kleinen Hexe.

Großes Bühnentalent liegt bei den Beckerts in den Genen. Anna lieferte nach ihrer Darstellung der Cosette (Les Misérable) in dem Politmärchen Der Drache eine beachtliche Leistung in der Rolle des Lancelot. Der taffe Held war das drastische Gegenteil zu der süßen Maggie in Otello darf nicht platzen. Aber: Es war Klasse, unter der Regie meines Opas zu spielen, schwärmt sie. Momentan steckt Anna im Abitur, probt nebenbei im Jungen Chor für die Operette Der Vogelhändler, denn: Ein Leben ohne den Tellplatz kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Ihre 15-jährige Schwester Eva spielte die kleine Cosette. Ihre Leidenschaft ist aktuell das Ballett. Dort fühlt sich ebenfalls die neunjährige Rufina zu Hause, hofft aber darauf, bald eine Rolle spielen zu dürfen mit zwei oder drei Sätzen. Auch Opa Hannes meisterte früh seine erste Sprechrolle in der zweiten Grundschulklasse in der Karlsruher Südstadt. Als Teenager flimmerte er in Schwarzweiß in der Sendung Ratet mal über die Mattscheibe. Später stieß er in Karlsruhe zu der Spielgruppe der katholischen Liebfrauenpfarrei. Dort hatte VSÖ-Gründer Josef Saier seine letzte Kaplanstelle, bevor dieser nach Ötigheim kam.

Anfang der 1960er Jahre traf Hannes Beckert auf Willi Panter, den Vater der Kleinen Bühne. Seit 1964 gehört er zur Reiterei der VSÖ, ab 1970 rückte er zum Rollenträger auf, selbstverständlich oft zu Pferd. Einen Part als Reiter wollte ich unbedingt verwirklichen, sagt Beckert. Ab 1966 finanzierte er sich aus Überstunden während seiner Lehre eine zweijährige professionelle Sprachausbildung und nahm Reitstunden in Durlach.

Als seine herausragenden Rollen nennen die VSÖ den Bettler im Welttheater sowie Judas in der Ötigheimer Passion. Agil, komödiantisch und hochbegabt gab Beckert 1986 in Arsen und Spitzenhäubchen den Teddy. Als Doolittle riss er in My Fair Lady (2004) das Publikum mit. Sein Meisterstück war zweifelsohne 1987 der Truffaldino (Der Diener zweier Herren).

Die Presse urteilte: Was dieser Schauspieler zu bieten hat, ist über alle Kritik erhaben. Für Applaus und den Zuspruch der Zuschauer ist der bald 70-Jährige sehr dankbar. Sein Credo für seine Leidenschaft drückt er jedoch so aus: Fühlt man von der kleinen Fußzehe bis zum Scheitel die Rolle, dann ist das Publikum sekundär. (Manuela Behrendt)

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