Badisches Tagblatt, 18. Juni 2018

Grandioser Saisonstart in Ötigheim

Den Ötigheimer Volksschauspielen ist am Wochenende ein fulminanter Start in die neue Freilichtsaison gelungen. Mit Carl Zellers Operette Der Vogelhändler hat sich das bewährte Laienensemble ein heiteres Werk mit vielen musikalischen Hits ausgewählt, aber gewiss kein leichtes: Operette ist niemals leicht für die Ausführenden, weil in der temporeichen Handlung jede Pointe sitzen muss und dabei noch mit originellen musikalischen Einfällen garniert wird.

Umso mehr ist die hochprofessionelle Aufführung zu würdigen, die Regisseur Manfred Straube und der musikalische Leiter Ulrich Wagner auf die Bühne gestellt haben. Beide haben mit ihren Produktionen der letzten Jahre die Volksschauspiele noch ein ganzes Stück besser, flexibler und moderner gemacht. Die Premiere wurde am Samstagabend mit Standing Ovations gefeiert, im Publikum waren auch viele politische Mandatsträger, angeführt von Justizminister Guido Wolf. Passenderweise war auch Kulturstaatssekretärin Petra Olschowski vor Ort, schließlich war Carl Zeller zu seiner Zeit ihr direkter Amtskollege: Der Komponist war Jurist und Kunstreferent im Wiener Unterrichtsministerium.

Die Handlung der Operette ist fast nebensächlich: Es geht um die Bauern, die den kurfürstlichen Wald leergewildert haben – sicher aus Hunger, hier aber in nostalgischer Verklärung eher aus Lebensfreude – um einen bestechlichen Wildmeister, einen Tiroler Vogelhändler mit echten zwitschernden Kanarienvögeln, eine Kurfürstin, die sich als Bauernmädchen verkleidet unters Volk mischt, und um die patente Briefträgerin Christel, die ihrem Adam aus Tirol einen Job besorgen will.

Manfred Straube, erfahren im Umgang mit den großen Menschenmengen auf der ausladenden Freilichtbühne, hat in dieser Produktion alles noch ein bisschen fließender, beweglicher gestaltet: Die Chöre ergießen sich geradezu über die große Haupttreppe, nehmen blitzschnell in lockeren Gruppen ihre Positionen ein und agieren ganz natürlich. Alle Bereiche der Bühnenlandschaft werden bespielt. Immer herrscht wuselndes Leben: Das dominierende Hauptgebäude wurde mit einem Wandelgang versehen und so mit agilen Menschen belebt. Die große Treppe wird durch wenige Requisiten zum romantisch beleuchteten Schlosspark (Bühne: Bettina Scholzen). Peter Sommerers Kostüme sind bunt und detailreich gearbeitet.

Herausstechend sind vor allem die Chöre: Die Ensembles der Volksschauspiele wurden für diese Aufführung noch um den Männergesangverein und den Frauenchor Belle Amie ergänzt, dazu kommen Profis des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, wo Ulrich Wagner im Hauptberuf Chordirektor und Kapellmeister ist – was ihn in Zukunft so in Anspruch nehmen wird, dass er den Ötigheimern nach dieser Saison Lebewohl sagt. Aber was für ein Abschiedsgeschenk hat er da einstudiert: An Präzision und Klangschönheit, auch an Textverständlichkeit bleiben keine Wünsche offen. Die stabilen Chöre ermöglichen Wagner ein flottes Tempo mit dem Orchester der Volksschauspiele, so dass die Operette Feuer in den schmissigen Passagen und innige Glut in den volksliedhaften Duetten hat.

Man könnte ja ständig mitsingen, vom ersten Grüß Euch Gott, alle miteinander (das Pfarrer Erich Penka schon bei seiner Begrüßung als Vorsitzender mit schönem Tenor ins vollbesetzte Auditorium schmetterte) über die schmachtenden Rosen aus Tirol bis zum tiefsinnigen Wie mein Ahnl zwanzig Jahr. Ein Schlager ist das Auftrittslied der Christl von der Post, die hier in einer historischen gelben Kutsche der Großherzoglich Badischen Post hereinrollt. Es sind diese liebevoll inszenierten Bonbons, die eine Aufführung in Ötigheim unvergesslich machen, die Pferdegespanne, die Reiter, die Gaukler, die generationenübergreifenden Volksgruppen.

Lisa Hähnel hat schon mit ihrem ersten Auftritt die Sympathien gewonnen, wie sie da die Briefe im Publikum verteilt und die ungeduldigen Mitspieler warten lässt, denn bei der Post geht’s nicht so schnell. Sie ist eine professionelle Sängerin, die Hauptpartien dieser klassischen Operette erfordern das.

Als Kurfürstin überzeugt Clara-Sophie Bertram mit leuchtendem Sopran und lebhaftem Spiel. Der glänzend disponierte Reinhard Danner von den Volksschauspielen behauptet sich als Baron Weps hervorragend im Solistenkreis. Moritz Kallenberg gibt einen prächtigen Offizier mit strahlendem Tenor ab, Beau Gibson ist schon von der Statur her ein rechter Naturbursche und als Vogelhändler aus Tirol (mit amerikanischen Wurzeln) die Operettenversion von Mozarts Papageno, der ja auch viel Verwirrung stiftet und am Ende doch die richtige Braut bekommt. Zu einem Kabinettstückchen wird das Duett der beiden Professoren Süffle und Würmchen: Ich bin der Prodekan, man sieht’s mir gar nicht an – das hat nicht nur herrlichen Witz, sondern musikalisch feinste Raffinesse, verdienter Zwischenapplaus für Paul Hug und Julian Baumstark.

Aus dem Ensemble der Volksschauspiele überzeugen Martin Kühn als Dorfschulze und Christine Heck als standesbewusste Gräfin Adelaide. Das Lederhosen-Ballett in der Choreografie von Andrei Golescu und Julia Krug ist eine mit Esprit modernisierte Einlage, die sich nahtlos in die Handlung fügt. Die Aufführung endet überwältigend mit Feuerwerk und Rosen für das Publikum. (Sabine Rahner)

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