Reutlinger General-Anzeiger, 7. August 2015

Golgotha in Ötigheim

Bühnensommer 2015: Die einen gehen nach Bayreuth, Bregenz oder Salzburg, andere zieht es nach Ötigheim und Giebelstadt. Naturtheater unter freiem Himmel: Volk spielt fürs Volk – damit hat sich bereits vor 50 Jahren Brigitte Schöbel in ihrer von Hermann Bausinger betreuten Dissertation auseinandergesetzt – auch anhand regionaler Beispiele wie Reutlingen (seit 1928) oder Hayingen (seit 1949). Wir wagen einen Ausflug ins Land der Naturbühnen heute, um nachzuprüfen, ob die Behauptung eines Schaubühnen-Autors vor 100 Jahren stimmt: Naturtheater seien ja nur missverstandenes, halbes und grobes Theater.

Erste Station: Giebelstadt in Main-Franken, direkt vor der Schlossruine des Bauernkriegs-Rebellen Florian Geyer. Ein drastisches Historienspektakel ist angesagt, 150 Mitwirkende, Pferdegespanne ziehen die Kanone, Feuerschlucker und viel Pyrotechnik: Oster-Sturm auf die Festung Weinsberg. Kritiker mögen es Aktionsstaffage nennen, die Zuschauer sind fasziniert.

Aus Gerhart Hauptmanns Tragödie Florian Geyer fließt ein markanter Schwur in das Stück: Nicht nur dem Truchsess von Waldburg, auch der deutschen Zwietracht mitten ins Herz soll der Stoß gelten. Florian Geyer scheitert, der schönste Held des ganzen Kampfes, wie ihn Bauernkriegs-Chronist Wilhelm Zimmermann charakterisiert. Die Zwölf Artikel für Gottes Gerechtigkeit wurden vor 490 Jahren zerfetzt, 100 000 am Aufstand Beteiligte getötet. Am Schluss, wenn der Schnitter Tod durch die Reihen der geschlagenen Bauern fegt, erscheint überm brennenden Turm ein hell erleuchtetes Kreuz. Als das Lied Die Enkel fechten’s besser aus ertönt, denkt man einen Moment lang auch an das Schicksal des gevierteilten Bauernkanzlers und Schöpfers des Herrenberger Altars Jerg Ratgeb und dessen Vermächtnis: Jesus Christus gestern und heute und derselbe anno 1525.

weite Station: Volksschauspiele Ötigheim in Nordbaden, bestehend seit 1906. Vor der Kulisse der nachgebauten berühmtesten Pariser Kathedrale wird nicht Der Glöckner von Notre Dame gespielt, sondern wie schon seit 1948/1950 alle zehn, fünfzehn Jahre Die Passion des früheren Ortspfarrers Josef Saier (1874–1955). Eine überwältigende Kulisse in Deutschlands größter Freilichtbühne. Die Ötigheimer Passionsspiele gelten in Amateurtheaterkreisen weit eher als Orientierungspunkt eines neueren Freilichttheaters als Oberammergau. Ötigheim hatte den Anstoß für die südwestdeutsche Bewegung der Naturbühnen gegeben. Volk spielt fürs Volk habe durchaus – trotz Missbrauch im Dritten Reich mit damals unüberhörbar völkischen Tönen – seine Berechtigung, so Schöbel. Ötigheim wagte bereits 1945 einen Neuanfang; Giebelstadt (Ursprünge 1925) erst wieder 1980.

Die Neuinterpretation über 65 Jahre nach der Uraufführung zeigt: Die christliche Botschaft ist weiter aktuell, wenn es um die Solidarität in der Gemeinschaft geht. Für Josef Saier war die Freilichtbühne eine erweiterte Kanzel: kein Theater, sondern Gottesdienst.

Jesus-Christus-Darsteller ist das frühere Mitglied der Reutlinger Tonne, Eric van der Zwaag. Für ihn mit all seiner Berufsschauspieler-Erfahrung, aus einem protestantischen Pfarrhaus stammend, ist dieses Passionsspiel eines katholischen Priesters nach eigenen Worten eine ungeheure Herausforderung. Einer der Gegenspieler, Lucifer, stiefelt auf hohen Absätzen wie eine Art verführerischer Conférencier über die Bühne, Jesus als Abgott des Pöbels verhöhnend; die Hohepriester verleumden den Gottgesandten als Feind des Volkes.

Beim Ränkespiel um Macht, Ruhm und Reichtum mittels Intrigen, Indoktrination, hemmungslosem Hass, bleiben die vom Messias in Menschengestalt gepriesenen Tugenden auf der Strecke: Opferliebe, Demut, Dienen. Das Volk ist eine Wetterfahne nutzt Kaiphas die Wankelmütigkeit der Leute aus. Erst Hosianna-Rufe, dann folgen beklemmende Szenen, als Schreie ertönen: Ans Kreuz mit ihm! Nach Golgatha!

Van der Zwaag meistert seine Rolle mit gekonnter Sprechtechnik – bei der Verkündung der christlichen Sendung ebenso wie im Schmerz: zeitgemäß, packend, aufreizend – etwa, wenn er den Tempel reinigt, die Händlerkörbe umwirft und die Tauben gen Himmel fliegen. Der Leidensweg des Zimmermannssohns wird szenisch dicht nachgespielt im schwülheißen August unter freiem Himmel: ein großes Erlebnis.

Nach dreieinhalb Stunden – die Abendsonne brennt während der erschütternden Kreuzigungs-Szene bereits in die Gesichter der Zuschauer in den vorderen Reihen – erheben sich nach Grablegung, Auferstehung, Segensspruch und Chorgesang rund 4 000 Zuschauer: Standing Ovations für das 400-köpfige Passions-Ensemble, auch für den Christus-Darsteller, der sich der imponierenden Schar der Laien-Darsteller, darunter Reiter, Sänger, Tänzerinnen zuwendet und sich bei ihnen bedankt.

Fazit: Bemerkenswert, dass dieses alte Passions-Stück in unser heutiges Denken hineinpasst. Naturtheater, die beiden Beispiele belegen es, sind auch nach hundert Jahren durch das enorme Engagement der vielen Laienschauspieler lebendig geblieben und setzen durchaus beachtenswerte Impulse. (Günter Randecker)

 

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