Badisches Tagblatt, 8. Juli 2013

Ein kleines bisschen Glück im Dörfli

Die Uhr an der zum Bahnhof umgewidmeten Kathedrale im Zentrum des Ötigheimer Tellplatzes zeigt Fünf vor zwölf, aber die Zeit scheint still zu stehen im Schweizer Dörfli. In der Ferne grüßen Matten und sonnige Weiden, der Wasserfall plätschert, und vorwitzigen Ziegen, die eigentlich noch gar nicht dran sind, machen sich über das Grün auf Deutschlands größter Freilichtbühne her.

Die Vorstellung  der Volksschauspiele ist ausverkauft; Groß und Klein  erwarten gespannt das Kindermusical „Heidi – ein kleines stück vom Glück“§ nach dem Roman der Schweizer Autorin Johanna Spyri, die ihre Veröffentlichungen zumeist mit dem Hinweis versah „für Kinder und auch für solche, die Kinder liebhaben.“

Regisseur Frank Landua und Markus Kapp (Musik) haben den beliebten, oft verfilmten Stoff aufgegriffen, um ihn als Musical zu bearbeiten, an dem sich nicht nur Tanzgruppen, und Kinderchor, Männer , Frauen und Kinder der Spielergemeinschaft der Volksschauspiele beteiligen können, sondern auch ein ganzer Striechelzoo plus einem Ochsengespann, einer Pferdekutsche und einem funkelnden Oldtimer. Der mehrfach angekündigte Wüstenbussard allerdings versagte seine Mitwirkung in der Schweizer Gebirgskulisse.

Los ging das musikalisch-heitere Spiel mit dem Glockenschlag des an seiner Leibesertüchtigung arbeitenden Lehrers, Mit dem Weckruf Morgenstund hat Gold im Mund kommt pralles Leben in die Idylle auf der Waldbühne. Von allen Seiten strömen singende, tanzende Kinder. Bald gleicht der Dorfplatz einem jener Wimmelbilder aus den Kinderbüchern.
Die Liebe zum Detail und die Fülle der Mini-Episoden am Rande bilden die Stärkedieser Inszenierung, an deren nostalgischem Charme man sich gar nicht sattsehen kann. Frank Landua, neben der Inszenierung auch für die Kostüme verantwortlich, scheint seine Inspiration den Bildern eines Hans Thoma entnommen zu haben. Die Choreografie unterstützt die Intentionen mit anmutigen Reigentänzen. Die musikalische Leiterin Maria Bagger nahm auch die flotte Choreinstudierung in die Hand.

Während mit Lucy Schindele als Heidi und Jannick Friedrich als Geißenpeter die Idealbesetzung für die beiden Naturkinder geglückt ist, verläuft die Wandlung des Alp-Öhi (Hans-Peter Mauterer), vom knorrigen Eigenbrötler und Menschenfeind zum Großvater, der nun des Schriftdeutschen eloquent mächtig ist, kaum nachvollziehbar schnell. Aber das stört niemanden, denn mit Ziegen-Herden, dem Landvolk und dem etwas begriffstutzigen Lehrer (Stefan Pikora) – und immer wieder dank der Musik – gibt es genug Abwechslung.

Die allseits bekannte Handlung nimmt nach der Pause so richtig Fahrt auf und gewinnt noch an Witz und Esprit. Denn Heidi ist inzwischen in Frankfurt angekommen. Im Hause Sesemann bei der gelähmten Klara sorgen eine Schreckschraube von Gouvernante, das Fräulein von Rottenmaier (Petra von Rotberg) , Sebastian der treue Hausdiener (Paul Kühn), und die schnippische Zofe Tinette (Tina Fortenbacher) für anhaltende Heiterkeit im Publikum.
Trotz historischem Hintergrund bietet die Inszenierung sozialkritische Denkanstöße und durchaus aktuell anmutende Verhaltensmuster. Daran hat auch die Musik von Markus Kapp ihren Anteil, die fröhlich vorwärts drängend oder melodramatisch die Handlung illustriert.

Für den Regisseur und Autor Landua liegt der nachvollziehbare Sinn der Geschichte darin, zu spüren wo wir hingehören, auch dann, wenn wir nicht sind, wo wir sein wollen Darauf zielt wohl der Zusatztitel Ein kleines Stück vom Glück, von dem auch das Publikum ein bisschen abbekommen hat. (Gisela Brüning)

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