Badisches Tagblatt, 19. August 2016

Glockenspiel hat Hochkonjunktur

Die erste Zugabe ist Nessaja, der rührige Klassiker von Peter Maffay, der sich ums niemals erwachsen werden dreht. Ein wahres Meer aus blauen Glühwürmchen schwirrt unterm Dach der Freilichtbühne Ötigheim umher, heute schwenken die Fans bei romantischen Songs eben nicht mehr Feuerzeuge, sondern Smartphonelampen.

Die vier Sänger von Adoro scheinen selbst ganz gerührt von ihrer eigenen Interpretation, auch bei der endgültig letzten Zugabe Momente, der einzigen Eigenkomposition des Abends. Zuvor hatten sie zwei kurzweilige Stunden lang das Beste aus deutschen Pop-Klassikern in ihre typische Mischung aus Operngesang und Band-Orchester übersetzt, mit der sie seit zehn Jahren große Erfolge feiern. Viele der Musiker begleiten die einst gecasteten Sänger schon von Beginn an, etwa Pianistin Ming, die gegen Ende in einem exzentrischen Solo zeigen darf, was in ihr und ihrem Flügel steckt.

Auch Gitarrist Sönke Rust spielt eine exponierte Rolle, nicht nur wegen seiner beeindruckend tiefen Sprechstimme, von der er eine Kostprobe geben muss, sondern auch wegen des gefühlvollen Akustik-Einsatzes bei Hinterm Horizont, im Original von Udo Lindenberg, das er in der Bühnenmitte auf einem Hocker performt, umringt von den Adoro-Sängern.

Diese zeigen im Übrigen eine beeindruckende Gedächtnisleistung, weil sie sich neben den Texten zu über 20 Songs auch sämtliche Anmoderationen sowie ihre eigene Choreografie auswendig merken können. Die besteht zwar im Wesentlichen aus bedächtigem Umhergestiefel, passend zur nachdenklichen Musik, jedoch strömen die Vier stets in verschiedene Richtungen aus, um sich hernach auf einer Linie wieder zu treffen.

So geht es die vollen zwei Stunden über, Aufstellung in Zickzack-Formation, sternförmig, Treppe rauf, Treppe runter, und immer synchron. Nicht ein einziges Mal drohen Nico Müller, Peter Dasch, Assaf Kacholi und Jandy Ganguly falsch abzubiegen oder gar zu kollidieren – Respekt! Selbst ihre Musiker sitzen nicht einfach auf den Stühlen und spielen, nein, die Cellistinnen schwingen synchron die Arme durch die Luft, bevor sie den Bogen neu ansetzen, lächeln sich permanent zu, genau wie die Geigerinnen.

Gute Laune auch bei den Jungs aus der Rockband, die nur lässig den Kopf schütteln, als Sänger Nico sie fragt, ob sie nicht auch mal ohne Noten spielen wollen. Man merkt, die große Besetzung ist ein eingespieltes Team, das neuere Songwriter-Balladen wie Eiserner Steg und Ich lass für dich das Licht an ebenso gekonnt auf eine wuchtige Klassik-Schiene hebt wie Nenas luftiges Irgendwie, irgendwo, irgendwann oder Pe Werners Kribbeln im Bauch (Das einzige unserer Lieder, in dem das Wort Brausestäbchen vorkommt!). Im ersten Teil des Konzertes präsentiert das Quartett sein aktuelles Album Lichtblicke, nach der Pause ein Best-of der vergangenen Dekade. Ein wenig kitschig wird es bei der eingedeutschten Version vom Titanic-Soundtrack My heart will go on – fehlt bloß noch, dass die Vier sich mit ausgebreiteten Armen auf einen Schiffsbug stellen…

Aber es sind eben die ganz großen Emotionen, denen sich Adoro von Anfang an verschrieben haben, das ist ihr Erfolgsrezept, dafür jubeln und klatschen die Fans sie noch zwei Mal für eine Zugabe hinter der Bühne hervor. Allen E-Gitarren und Snaredrums zum Trotz: Das Chimes-Glockenspiel am Schlagzeug, dieser kleine, süßliche Akzent, hat den ganzen Abend über Hochkonjunktur. (Nina Setzler)

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