Badische Neueste Nachrichten, 8. April 2015

Gewusel auf dem Tellplatz

Noch erinnert auf dem Tellplatz in Ötigheim nichts an das Römische Reich: Schwere Stahlgerüste, karge Betongebäude und menschenleere Wege zeichnen einen nüchternen Platz. In einigen Wochen schon werden hier jedoch Pferde, Esel, Palmwedel und Händlerstände das Jerusalem zur Zeit Jesu inszenieren. Einige Hundert Schauspieler werden dann Die Passion von Josef Saier, Gründer der Volksschauspiele Ötigheim, darbieten. Am Ostermontag hielt Regisseur Stefan Haufe die ersten szenischen Proben auf der Freilichtbühne ab.

Gut 230 Laiendarsteller und Chormitglieder sind zur Stellprobe gekommen. Heute geht es hauptsächlich um die Positionierung der Chorsänger und die Verteilung der Laienrollen. Unser Regisseur stellt außerdem sein Konzept vor, erläutert Robert Walz, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Volksschauspiele. Wir brauchen noch ein paar römische Soldaten, klingt es aus den Lautsprechern auf die Tribüne. Regisseur Stefan Haufe muss an diesem Tag Ordnung in das chaotische Treiben bringen. Die Passion sei ein recht patriarchalisches Stück, es gebe fast nur männliche Rollen, doch gerade die seien schwer zu besetzen.

Stefan Haufe verteilt die 230 Mitwirkende auf der riesigen Bühne und erklärt die Laufwege in den einzelnen Szenen. Die elf Lieder hat der Chor bereits einstudiert. Ich übe schon seit November mit dem Chor. Die musikalische Einstudierung ist damit im Wesentlichen abgeschlossen. Die Hauptarbeit liegt nun beim Regisseur, erklärt Ulrich Wagner. Er ist der musikalische Leiter der Passion und bezeichnet die Arbeit in Ötigheim als sein Hobby. Hauptberuflich ist er Chordirektor am Badischen Staatstheater.

Der Chor und die Statisten tragen noch ihre Alltagskleidung. Die Kostüme sind bislang nicht alle fertiggestellt. Unsere Kostümbildnerin näht auf Hochtouren daran, berichtet Walz. Auch die Bühnentechniker stecken noch Mitten in ihren Arbeiten. Mittelpunkt des Bühnenbildes ist eine imposante Kathedrale. Links davon entsteht gerade ein ägyptischer Tempel. Er soll auf einem Berg verbrannter Erde stehen – diese ist momentan noch weiß. Ein Landhaus auf der rechten Seite rundet die Kulisse ab.

Mittelpunkt der Geschichte ist der Leidensweg Jesu Christi und die Auseinandersetzungen mit seinen Gegenspielern Luzifer, Pontius Pilatus und Kaiphas. Gut 500 Mitwirkende werden auf der Bühne zu sehen sein. So viele Darsteller bei der ersten Probe, das habe ich noch nie erlebt – der erfahrene Schauspieler Eric van der Zwaag verkörpert den Jesus und empfindet es als große Herausforderung, vor und mit so vielen Leuten zu spielen. Der Wahl-Karlsruher hat Respekt vor seiner Rolle und dessen Sterben: Es wird mir schon mulmig zu Mute, wenn der Hohe Rat brüllt ,kreuzigt ihn‘, doch mein Ziel ist es, mit diesem Stück Emotionen bei den Zuschauern zu wecken. Äußerlich entspricht der 47-Jährige dem Jesus-Bild: Der Pastorensohn trägt sein dunkles Haar schulterlang, ist groß, schlank und hat einen Vollbart.

Die Passion wird in unregelmäßigen Abständen auf der Freilichtbühne Ötigheim aufgeführt, zuletzt im Jahr 2000. In diesem Jahr feiert das Stück am 14. Juni Premiere auf dem Tellplatz. (Verena Schneider)

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