Badische Neueste Nachrichten, 18. Juni 2018

Gesamtkunstwerk fasziniert Publikum

Schenkt man sich Rosen in Tirol – selbstvergessen summt ein älterer Herr die Melodie des Evergreens vor sich hin, während er in der Pause zielstrebig den Getränkestand ansteuert. Vier Mädels grinsen – sie sind mit ihren Eltern aus Hemsbach zur Premiere der Operette Der Vogelhändler gekommen. Richtig cool, total unterhaltsam ist der Kommentar der Zwölf- bis Fünfzehnjährigen, die nicht unbedingt ins Raster eines Operettenpublikums fallen.

Doch bei den Volksschauspielen ist vieles anders, fesselt das Gesamtkunstwerk aus Naturbühne, Laien- und Profi-Darstellern und Inszenierung. Es ist kurz vor 19 Uhr, die Schlange aus Autos und Reisebussen, die sich in Richtung Tellplatz bewegt, wird immer dichter. Die Theatersaison 2018 hat begonnen. Überschaubar sind die Schlangen an den Kassen, die überwiegende Zahl der Theaterbesucher hat ihre Karten bereits. Am Einlass geht es entspannt zu, ein Team des DRK richtet sich gut sichtbar ein

Ist das aber großzügig hier, entfährt einer Dame überrascht, als sie die mit Bäumen bestandenen Rasenflächen sieht. Sie ist zum ersten Mal hier, kommt aus dem äußersten Süden des Ländles. Man flaniert, plaudert, holt sich etwas zu trinken und wartet freudig gespannt, dass sich die Tore des Zuschauerraums öffnen. Dort stehen Teresa Ferenz und ihre Kollegen, um den Zuschauern den Weg zu ihren Plätzen zu weisen. Aufgeregt vor der Premiere? Nein, überhaupt nicht, antwortet sie lächelnd, ich mache das seit 15 Jahren. Wenige Minuten nach 20 Uhr betritt Pfarrer Erich Penka die Bühne, während die Ehrengäste aus Landes- und Kommunalpolitik ihre Plätze einnehmen. Grüß euch Gott, alle miteinander schmettert er mutig und (fast) intonationssicher in das Halbrund und baut seine Begrüßungsrede um die Ohrwürmer der Operette herum, die gleich beginnt.

Aus dem Off beginnt das Orchester, noch einmal unter der Leitung von Ulrich Wagner, mit der kurzen Ouvertüre, eine Kutsche, Pferde, das Volk des Pfälzer Dorfes – das Spiel um die Briefchristel und ihren Tiroler Vogelhändler Adam beginnt und wird auch akustisch zum Genuss, der neuen Lautsprecheranlage sei Dank. Spritzig, witzig, voll Tempo und absolut unterhaltsam. Das sind auch die Attribute, mit denen das Publikum in der Pause die Aufführung beschreibt. Spritzig und sehr unterhaltsam, lautet der Kommentar eines jungen Mannes, der mit seiner Freundin aus Eggenstein gekommen ist. Keine besonderen Vorkommnisse vermeldet das DRK, dessen Helfer das Geschehen ebenfalls mit Vergnügen verfolgen. Dann ist der Operettenabend zu Ende und minutenlange stehende Ovationen belohnen Darsteller, Regisseur und alle Verantwortlichen für diese pfiffige und temporeiche Produktion. (Martina Hohlbein)

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