Badisches Tagblatt, 2. Dezember 2015

Gequälte Schülerseelen

Auf Hochtouren laufen im Tellplatz-Casino der Volksschauspiele Ötigheim die Proben für den Psycho-Thriller Der Schüler Gerber. Gerhard Franz Brucker inszeniert für die Kleine Bühne das Stück von Felix Mitterer nach dem Roman von Friedrich Torberg.

Wenige Wochen vor der Premiere am 29. Januar ist Brucker sehr zufrieden mit der Leistung seiner Akteure. Ich bin sehr dankbar, dass die acht jungen Leute neben Studium, Ausbildung und Beruf bei dem Stück mitmachen, sagt der Regisseur. Als Eigengewächs des Amateurtheaters blickt er auf einen langen, abwechslungsreichen Lebenslauf bei den Volksschauspielen und weiß, wie viel Freizeit in einer Aufführung steckt.

Seit Mitte September proben die Darsteller dreimal wöchentlich. Anfang November baute Michael Lerner das komplette Bühnenbild im Probenraum auf. Alle Schauplätze des Stücks sind simultan vorhanden. Ganz so, wie es Mitterers Konzept will, um die Schulzeit des Kurt Gerber und seiner sechs Klassenkameraden sowie einer ehemaligen Mitschülerin auf einem Realgymnasium kurz vor dem Abitur im Wien des Jahrs 1929 aufleben zu lassen.

Eine Reihe von Schülerselbstmorden veranlasste seinerzeit den Schriftsteller Torberg, die damals übermäßig hierarisch geprägte Schulsituation öffentlich anzuprangern. Wichtig für Mitterer ist es deshalb, dass das Stück in der Entstehungsepoche verbleibt und keine Modernisierung erfährt. „Diese Tatsache schränkte mich im Kostümbild sehr stark ein“, erklärt Ulrike Weßbecher. Trotz der starren Modevorgaben bringt sie mit unterschiedlichen Farbtonnuancen Lebendigkeit auf die Bühne. Brucker schwärmt regelrecht von seinem kleinen, hochmotivierten Team: „Jeder bringt im Verlauf der Zusammenarbeit seine Ideen ein; das macht unglaublich viel Spaß“, sagt er.

Mit Leonora Mihajlov, Melanie Wild und Alexander Grünbacher stehen Brucker drei junge Assistenten zur Seite. Dahinter steht der Gedanke, Nachwuchs für das Regiefach zu interessieren, erhofft sich der alte Hase eine Art Zukunftssicherung. Bei Grünbacher scheint er nach eigener Aussage den entsprechenden Nerv zu treffen.

Tobias Kleinhans, der im Sommer auf der Freilichtbühne als liebenswerter Rabe Abraxas in Die kleine Hexe zu sehen war, spielt die Hauptrolle des Kurt Gerber. Als begabter, dreister Schüler darf er schauspielerisch die seelischen Abgründe des von seinem neuen Klassenlehrer schwer gedemütigten Abiturienten ausleben. Den Gegenpart des sadistischen, selbstherrlichen Mathematikprofessors Kupfer gibt Matthias Götz. Der Hexe-Regisseur und kauzige Boanlkramer aus dem Brandner Kaspar mutiert zum gnadenlosen Kotzbrocken. Vor diesem Hintergrund zeigt sich einmal mehr die enorme Vielseitigkeit der Ötigheimer Aktiven.

In der heutigen Welt, da Schulen zu Lernateliers und Pädagogen zu Coaches werden, die ihre Schützlinge nach Stärken und Talenten fördern, scheint eine Situation, wie sie „Der Schüler Gerber“ erlebt, kaum vorstellbar. Regisseur Brucker ist anderer Meinung: Sadisten wie Professor Kupfer in übergeordneten Positionen sind prädestiniert, menschliche Katastrophen zu provozieren; daran hat sich bis heute nichts geändert, denn Mobbing ist ein Begriff gerade unserer Tage. (Manuela Behrendt)

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