Badische Neueste Nachrichten, 13. Juni 2016

Bei Les Misérables wird heftig geliebt und gelitten

Glücklich konnte sich schätzen, wer am Samstagabend zur Premiere von Les Miserables auf der Freilichtbühne Ötigheim, mit der die Spielzeit eröffnet wurde, seine Decke nicht vergessen hatte. Denn obwohl einem die Inszenierung das Herz erwärmen konnte, wurde es doch für die Beine mit zunehmender Spieldauer recht kühl.

Und doch hatten die Theatermacher Glück gehabt: Ein Platzregen, der eineinhalb Stunden vor Beginn einsetzte, setzte zwar den Parkplatz unter Wasser, hörte aber pünktlich auf, als Pfarrer Erich Penka von der Josef-Saier-Stiftung die Spielzeit eröffnete. Programmheft für 2,50 Euro zu verkaufen, in seiner Fantasieuniform preist ein Uniformierter, später outet er sich als Wirt Thénadier, sie an. Sein Schnucki (Sabine Speck) fragt er über die Zuschauerköpfe hinweg Hast Du noch Wechselgeld? Sebastian Kreutz hat diese Rolle übernommen, die als Mittler zwischen Bühne und Publikum eingesetzt ist.

Er ist es, der clownesk immer wieder für Lacher in dem Drama sorgt, und der die Zuschauer sowohl von außen durch die knapp 40 Jahre dauernde Zeit der Handlung führt, als auch als kleinkrimineller Wirt seine Funktion im Spielgeschehen hat. Knapp drei Stunden Theater hat Regisseur Peter Lüdi aus den fünf Bänden des Romans Les Miserables von Victor Hugo gemacht und ein spannendes und mit Liebe zum Detail inszeniertes Gesellschaftsdrama geschaffen. Da passt alles zusammen: Die Bühnenmusik, die im Stile von Filmmusik fast über die ganze Spielzeit hinweg erklingt und die eigens für Ötigheim von dem Düsseldorfer Komponisten Hans Peter Reutter geschrieben wurde. Eingespielt wurde sie im Übrigen von der Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung des Musikalischen Leiters der Volksschauspiele Ulrich Wagner. Die stimmigen Chor- und Volksszenen, die Kampfszenen mit viel Pulverdampf (Winni Engber, Michael Lerner), die Balletteinlagen (Julia Krug, Andrei Golescu) und natürlich die Reiterei, die nicht fehlen darf.

Für eines der Pferde war es eine Premiere in der Premiere, Tornado, das Pferd des Polizeiinspektors Javert (Matthias Götz) hatte seinen ersten großen Auftritt. Premiere war auch, dass eine Galeere in Ötigheim vor Anker ging: Nur in den ersten Szenen kommt das Meisterwerk der Ötigheimer Techniker zum Einsatz, da aber sehr eindrucksvoll. Auch für Kostümbildner Karel Spanhak war es Premiere, und er trug mit seinen Bildern, die er auf die Bühne brachte, wesentlich zum stimmigen, runden Gesamteindruck der Inszenierung bei.

Toll, beeindruckend lauteten die begeisterten Kommentare des Publikums, ein wenig anders, aber gut gemacht. Es feierte am Ende – das Wetter hatte übrigens gehalten – die Darsteller, nachdem sie gelitten, gekämpft, geliebt, verraten und gestorben waren. Und der schlitzohrige Thénadier, eine Rolle, die Sebastian Kreutz herrlich ausspielte? Er sparte nicht mit bissigen Seitenhieben auf derzeitige politische Entwicklungen im In- und Ausland und zeigte, dass Les Miserables weder antiquiert, noch verstaubt, noch kitschig ist, sondern in seiner inhaltlichen Aussage nach wie vor aktuell. Eine gelungene Inszenierung, sehenswert. (Martina Holbein)

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