Badische Neueste Nachrichten, 12. August 2016

Gänsehautmomente für bibbernde Fans

Wenn hymnische Bläserfanfaren und zarter Streicherschmelz auf harte Gitarrenriffs und griffige Basslines treffen und sich zu einer harmonischen Einheit verbinden, dann nennt man das Crossover. Mit genau solch einem Brückenschlag begeisterte am Mittwochabend Orso – die Orchestra & Choral Society Freiburg/Berlin unter ihrem quirlig-engagierten Leiter Wolfgang Roese. Bei der Rock Symphony Night rockten mehr als 200 Mitwirkende Deutschlands größte Freilichtbühne, die sich bereits zum vierten Mal nach 2012 in einen Freiluft-Rockpalast verwandelt hatte.

Rund 3 300 bibbernde Besucher kamen bei frostigen Temperaturen in den Genuss einer opulent inszenierten Show unter dem Motto Rock meets Classic, der es an Gänsehautmomenten nicht mangelte. Auch nach dreieinhalb Stunden wollte fast keiner nach Hause, vorausgesetzt er war warm genug eingepackt. Zumindest regnete es nicht, als die für ihre klanggewaltigen Tongemälde bekannten Orsonauten den Zuschauern stimmgewaltig, lautstark und vor allem gut einheizten.

Den furiosen Auftakt machte das Orchester mit der düster-bedrohlich beginnenden, sich langsam aufbauenden und zum atemberaubenden Crescendo steigernden sinfonischen Dichtung Pines Of Rome, um wenig später der britischen Rockband „Queen“ mit einem knackigen I Want It All oder KC And The Sunshine Band mit einem komplex arrangierten That’s The Way zu huldigen. Die brillanten Musicalsänger Alex Melcher und Mennana Ennaoui erwiesen unter anderem Robbie Williams ihre Reverenz, während Gunnar Schierreich und Susanne Müller die Zuhörer in die Oper entführten. Tenor Schierreich glänzte mit Caruso, Sopranistin Müller brillierte mit ihrer glasklaren, selbst in den höchsten Höhen sicheren Stimme in Leonard Bernsteins Glitter And Be Gay aus Candide.

Einen starken Eindruck machte die US-amerikanische Jazz- und Bluessängerin Brenda Boykin, die mit rauchigem Organ The Man I Love und Cheek To Cheek ins Publikum röhrte und Led Zeppelins legendärem, gewaltig orchestriertem Rocksong Kashmir, der mit Verdis Dies Irae aus dem Requiem eingeleitet wurde, erst die richtige Würze gab. Rockröhre Ennaoui verlieh dem Led-Zeppelin-Kracher Whole Lotta Love eine ganz eigene Note, genauso wie im Verein mit Boykin dem Mothers’s-Finest-Funkklassiker Baby Love. Josy Santos, Mezzosopranistin aus Bahia/Brasilien, begeisterte mit feurig-temperamentvollen Interpretationen von Astor Piazzollas Los Pajaros Perdidos und dem Welthit Aquarelo do Brasil. Nicht fehlen durften Hommagen an David Bowie und die Beatles. Melcher entführte mit Space Oddity zu Major Tom in die Weiten des Weltalls, während Ennaoui den Fab Four mit einer langsamen, soulig-rauchigen Version von Help ihre Reverenz erwies.

Durch das Programm führten witzig, charmant und mit einer gehörigen Portion (Selbst-)Ironie Nini Stadlmann und Tom van Hasselt, die nicht nur moderierten, sondern als Stammzellformation – die kleinste Musicalcompany der Welt – mit einem spritzig-satirischen, musical-kabarettistischen Kurzprogramm den Besuchern die Lachtränen in die Augen trieben.

Da mittlerweile die Temperaturen unter den Gefrierpunkt gefallen waren, war es am Ende der mit Standing Ovations belohnten Show höchste Zeit für Deep Purples „Smoke On The Water“. Wer Orso diesmal verpasst hat, kann sich trösten: Nächstes Jahr kommen sie wieder. (Ralf Joachim Kraft)

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