Badisches Tagblatt, 24. Mai 2018

Volksschauspiel-Kostüme kann man auch ausliehen

Noch hat die Theatersaison auf der Freilichtbühne Ötigheim nicht begonnen. Doch was mit den vielen aufwendig geschneiderten Kostümen passiert, wenn der letzte Applaus verklungen ist, ist schon jetzt klar. Dasselbe wie jedes Jahr: Die Bühnenakteure bringen ihre Gewänder gewaschen wieder zurück, erklärt Vorstandsmitglied Rudi Wild. Und dann kommen sie in den Fundus.

Herrin über die sicher rund 10000 eingelagerten Stücke ist Rudi Wilds Ehefrau Christel. Sie ist selbst das, was man so landläufig ein Urgestein der Volksschauspiele nennen könnte. Im Treppenhaus, das zu einem der beiden Kostümdepots führt, zeigt sie stolz die großformatigen Fotos an den Wänden. Zu sehen sind Szenen aus längst vergangenen Tellplatz-Inszenierungen. Und auf einem sind Christel Wild und ihre Schwester als Kinder zu sehen. Man spielt Joseph von Ägypten. 1956 stand die kleine Christel zum ersten Mal auf der Bühne, von 1987 bis 2016 wirkte sie zudem in der Schneiderei mit.

Noch traditionsreicher sind allerdings die frühesten Stücke, die Christel Wild im Depot der Volksschauspiele hütet: Es handelt sich um einige Kostüme aus der allerersten Passion von 1948. Gut erhalten sind die Gewänder. Klar: Hier oben unter den Dächern der Tellplatzgebäude ist es dunkel. Verschießen können die Stoffe also nicht. Und Christel Wild achtet genau darauf, dass die Kleiderstangen, an denen viele, viele Kostüme in Reih‘ und Glied an Bügeln hängen, mit großen Tüchern vor Staub geschützt sind. Und Motten? Haben wir eigentlich nie, beruhigt die Hüterin der Theatertextilien. Die meisten Kostüme sind nämlich heute aus Synthetikstoffen, weil sie auf der Freilichtbühne mitunter ja auch Wind und Wetter trotzen müssen und bei der nächsten Vorstellung wieder so sauber aussehen müssen wie bei der Premiere. Ein Insektenspray hat Wild dennoch griffbereit.

Individuell angefertigt werden die Kostüme der Rollenträger. Etwas einfacher ist die Verkleidung für das Volk. Obwohl in so einem Kettenhemd für einen Ritter natürlich auch viel Arbeit steckt.

Im Fundus der Volksschauspiele würde es leicht fallen, in kürzeste Zeit in fast jede erdenkliche Rolle zu schlüpfen: Musketier oder Höfling aus der Barockzeit, Mönch oder Bettler aus dem Mittelalter, Lady oder Gentleman aus dem viktorianischen England, Feenkönigin aus dem Sommernachtstraum oder lieber Affenherrscher aus dem Dschungelbuch? Wer für Fastnacht oder eine Mottoparty ein Kostüm leihen möchte, ist bei Christel Wild an der richtigen Adresse. Selbstverständlich borgen die Volksschauspiele ihre Kostüme nur aus, wenn sie auf der Freilichtbühne nicht benötigt werden. Denn einerseits gibt es natürlich immer mal Wiederaufnahmen, andererseits sind manche Kostüme in verschiedenen Stücken einsetzbar. Selbstverständlich erwartet Christel Wild auch, dass man pfleglich mit der Leihgabe umgeht und sie gewaschen oder gereinigt und vor allem unbeschadet zurückgibt. Die Leihgebühr ist moderat. Je nach Art des Kostüms verlangen die Volksschauspiele zwischen fünf und 40 Euro pro Kostüm. Die teureren sind dann aber wirklich auch hochprofessionell und aufwendig gearbeitet. Und sicher der Blickfang jeder Kostümveranstaltung.

Übrigens sind nicht aller Gewänder in der Schneiderei der Volksschauspiele entstanden. Auch wenn das Staatstheater Karlsruhe seinen Fundus ausmistet, schlagen die Volksschauspiele manchmal zu. Mein Mann und ich fahren dann zum Depot des Staatstheaters, wenn wir einen Anruf kriegen, erzählt Wild. Viel Zeit habe man dort aber nicht: Oft heißt es: aber in einer halben Stunde müssen Sie da sein. Da heißt es sich beeilen. Und: Die Wilds müssen stets den ganzen Haufen mitnehmen. Aussortiert wird dann erst wieder in Ötigheim. Doch so manches Kostümschätzchen sei schon dabei gewesen. Das gilt auch für die Kostümversteigerungen, die auf dem Tellplatz von Zeit zu Zeit stattfinden. Wer Interesse hat, Kostüme auszuleihen, kann sich an das Büro der Volksschauspiele in der Kirchstraße 5 wenden: (07222) 968790. (Sebastian Linkenheil)

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