Badisches Tagblatt, 13. Juni 2016

Auf die Barrikaden für die Menschlichkeit

Mit großen Emotionen, heißblütigen Revolutionären, Truppenaufmärschen und Kanonendonner wird zum Saisonauftakt in Ötigheim eine Schlacht gegen die Unmenschlichkeit geschlagen: Die Volksschauspiele haben sich mit dem musikalischen Schauspiel Les Misérables nach dem fünfteiligen Romanklassiker von Victor Hugo ein epochales Werk des 19. Jahrhunderts vorgenommen, das mit seinem sozialrevolutionären Stoff über Gerechtigkeit und Barmherzigkeit als veritable Gegensätze die Grenzen alles bisher Dagewesenen auf der Freilichtbühne fast sprengt. Trikolore schwenkend bringen revolutionär gesinnte Badener das urfranzösische Spiel aber mit viel Herzblut und Eifer voran. Regisseur Peter Lüdi hat den dreieinhalbstündigen Theaterabend über die Elenden aus Armut, Verbrechen und Unterdrückung zur neu arrangierten Musik von Hans Peter Reutter und mit allen wichtigen Ötigheimer Spielanteilen spektakelhaft umgesetzt. Die Philharmonie Baden-Baden spielte den Sound passend dazu unter der Leitung von Ulrich Wagner ein: von episch-bombastisch bis schräg atonal.

Schön ausstaffiert von Bettina Scholzen (Kostüme) im Stil der Revolutionszeit gelingen vor der Nôtre-Dame-Kulisse (Bühne: Karel Spanhak) große Volks- und Chorszenen. Die Ötigheimer Tänzerinnen lassen zu Can-Can-Anleihen die Hüften vor Madame Colettes Etablissement kreisen. Rasanter Kutscheneinsatz und Verfolgungsjagd der Polizeireiterstaffel treiben das breit angelegte Liebes- und Abenteuerstück voran, das eine Mischung aus den wichtigsten Strängen des Romans, Anleihen an bekannte Musical- und Filmversionen Freilichtbühnen tauglich zusammenführt. Dazu gibt es satirische Spitzen über die Reichen, die immer reicher werden und die Armen, die chancenlos sind von dem Buffo-Paar Monsieur und Madame Thénardier mit Revolutionsabzeichen am Revers.

Schauspielprofi Sebastian Kreutz (ehemals am Badischen Staatstheater Karlsruhe) und die Volksschauspiel-Darstellerin Sabine Speck sind als munteres Verbrecherpärchen mit Comedy-Qualitäten ein Genuss und mit ihren Conférencier-Aufgaben unabdingbar, um als Zuschauer die Moral zu behalten: angesichts dieser weit verzweigten Lebensgeschichte des ehemaligen Sträflings Jean Valjean und der zermürbenden Fehde mit Polizeiinspektor Javert, die während der Aufstände von 1832 auf den Pariser Barrikaden ein Ende nimmt.
Der Ötigheimer Martin Kühn spielt diesen starken Gebrochenen Jean Valjean, der wegen eines gestohlenen Brots zu 19 Jahren Straflager verurteilt wurde. Körperlich kein Berserker, wie Gérard Depardieu in dem TV-Mehrteiler, aber mit glühendem Feuer in den Augen beweist er schon in den ersten Szenen, in denen er einen riesigen Kahn im Ötigheimer See als Anführer der Galeerensklaven bewegt, eisernen Willen.

Einmal Verbrecher, immer Verbrecher: Die vernichtende Prophezeiung Javerts bei der Entlassung im Ohr, ausgezehrt und zerlumpt zeigt Kühn etwas kindlich Verhuschtes in der schicksalhaften Szene gegenüber dem besänftigenden Bischof (Hans-Peter Mauterer). Dank dessen Silbergabe wird aus dem Dieb aber ein Geläuterter: Fabrikbesitzer, Bürgermeister und angesehener Wohltäter

Gegenspieler Javert bleibt dem früheren Dieb aber beständig auf den Fersen. Dem Gerechtigkeitsfanatiker verleiht Matthias Götz Statur. Die starke Raffung des Stücks mag dazu beitragen, dass das Bluthündische des verbissenen Verbrecherjägers der Restaurationszeit, der von Valjean bis zum Schluss nicht ablassen kann, etwas sanfter ausfällt.
Starke Charaktere, beschwörende Chöre und pure Intensität der auf Deutsch gebrachten Songs tragen dank einiger hübscher Ötigheimer Stimmen die Gefühlslage des sozialromantischen Strebens durch die revueartigen Schlüsselszenen. Die Fabrikarbeiterin Fantine, vom Leben und von Schwindsucht gezeichnet, wird von Jennifer Walther im zu Herzen gehenden Lied intensiv gespielt.

Einige starke junge Darsteller haben die Ötigheimer in petto: Eva Beckert fällt mit kräftiger Stimme als uneheliche Tochter Fantines auf, die von Valjean aus ihrem traurigen Schicksal errettet und groß gezogen wird. Der kleine Barrikadenkämpfer Gavroche (Florian Woll) trumpft gehörig auf. Die 17-jährige Cosette wird kess von Anna Beckert gespielt. Und Alexander Grünbacher verkörpert den jugendlichen Liebhaber Marius Pontmercy, hin- und hergerissen zwischen Kampfgeist und Cosettes Herz, mit nobler Haltung.

Mit Revolutionärseifer behauptet sich David Kühn (Enjolras) als Anführer auf den Pariser Barrikaden die Trikolore schwenkend bis zum leidenschaftlichen Höhepunkt der Inszenierung im Pulverdampf. Lüdi zeigt hier ganz nach Victor Hugos Brüderlichkeitsglaube viel Sympathie für die Aufständischen. An der Barrikade führt der Regisseur die Helden, die Leidenschaftlichen, die Elenden und ihre Verfolger, zusammen zum Showdown.
Der Ötigheimer Kraftakt geht dann ein bisschen rührselig zu Ende, aber mit der leisen Hoffnung, dass eine Gesellschaft, getragen von Menschlichkeit, Zukunft hat. Vielleicht auch erst im Jahr 3000?, wie Thénardier mutmaßt, noch bevor seine Schändlichkeit angeprangert wird. Immerhin die Premiere am Samstagabend ist vom Regen verschont geblieben und mit Standing Ovations gefeiert worden. (Christiane Lenhardt)

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