Badisches Tagblatt, 29. Juli 2019

Zwischen klangsatter Schwere und flotter Leichtigkeit

Es war heiß am Freitagabend in Ötigheim. Unbeeindruckt von den Temperaturen entfalteten das Orchester, der Kinder- und Jugendchor, der Große Chor und die Tanzgruppen der Volksschauspiele Ötigheim bei den Festlichen Konzerten vor ausverkauften Rängen den musikalischen Glanz der legendären Donaumonarchie. Wiener Charme und Pusztafeuer hieß das von Karl Albert Geyer zusammengestellte Programm. Der erfahrene Dirigent und Geiger, der lange zur Baden-Badener Philharmonie gehörte, sorgte mit den Musikern dafür, dass die Operetten-Nummern Schwung hatten und die Tänze eine straffe, federnde Rhythmik erhielten. Sehr schön unterstrich das Orchester der Volksschauspiele den Kontrast zwischen der klangsatt musizierten Schwere und den flott gespielten leichten Teilen der Ungarischen Tänze Nr. 5 und 6 von Johannes Brahms. Ausgesprochen farbenreich erklang der Ungarische Marsch aus La damnation de Faust von Hector Berlioz.

Weder Brahms noch Berlioz waren Ungarn oder Österreicher, sie spiegelten in ihren Stücken die Faszination, die Ungarn seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausstrahlte. Deshalb spielen so viele Operetten dort. Der Zigeunerbaron, Zigeunerliebe, Gräfin Mariza – die in ein enges Korsett aus Konventionen und Benehmen geschnürten Bürger träumten von der vermeintlichen Freiheit in der Pannonischen Tiefebene. Sibylle Witkowski und Harrie van der Plas besangen klangvoll und höhensicher in den Arien aus Gräfin Mariza und Der Zigeunerbaron die auf Ungarn projizierte Sehnsucht nach Liebe und Leidenschaft. Richard Danner und Judith Herz gaben charmant und spielfreudig das Duett Komm mit nach Varasdin. Natürlich begann das Programm der Festlichen Konzerte geografisch korrekt donauaufwärts bei Wien. Reinhard Danner, der wieder witzig durch den Abend führte, hat sogar eine Farbstatistik für diesen Fluss entdeckt. Demnach schillert die Donau im Jahresverlauf in vielerlei Farben, von Schlammbraun bis Smaragdgrün. Nur Blau, wie es Johann Strauß in seinem berühmten Walzer An der schönen blauen Donau behauptet, blau schillert der Fluss nie. Das hinderte Chor und Orchester nicht daran, mit der Wiedergabe dieses Stückes einen Hauch vom Wiener Neujahrskonzert in den Ötigheimer Sommer zu zaubern. Die vorbildliche Nachwuchsförderung der Volksschauspiele war in den Auftritten des Kinder- und Jugendchors und der Tanzgruppen zu erleben. Fröhlich und sicher sangen die Kinder und Jugendlichen den Kinderlieder-Marsch, eigentlich ein Medley, in dem sozusagen als Kehrvers Fuchs, du hast die Gans gestohlen wiederholt wurde. Auch die zwei ausgewählten Polkas aus der Feder von Johann Strauß wurden munter serviert.Das Ballett der Volksfestspiele reicht von den Kleinsten bis zur angehenden Tanzelfe auf Spitze. Andrei Golescu und Julia Krug haben für jede Alters- und Ausbildungsstufe reizvolle Choreografien einstudiert, von Insekten und Eichhörnchen bis zu unterschiedlichen Puppen in Die Puppenfee. Hier kamen die verschiedenen Talente schön zum Ausdruck, die einen tanzten gut gelaunt übermütige Harlekins, die anderen schwebten in tadelloser Haltung auf Spitze über die Freilichtbühne. Zum Donausagen-Walzer schufen die kleinen und größeren Tänzerinnen zauberhafte Tableaus. Alle Beteiligten zeigten sich- scheinbar hitzeresistent – von ihrer besten Seite. Die Solisten, der Große Chor und das Orchester verabschiedeten sich Im Feuerstrom der Reben, der unverwüstlichen und als Zugabe eingesetzten Ensemblenummer aus der Operette Die Fledermaus. Das Feuerwerk zündete zum prachtvollen Finale und das Publikum war begeistert – also alles, wie es sich für ein Festliches Konzert im Ötigheimer Theatersommer gehört. (Nike Luber)

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