Badische Neueste Nachrichten, 24. Januar 2018

Feine Ironie statt derbem Klamauk

Er hat Ben Hur inszeniert und den Tell, Die Hammelkomödie und Lumpacivagabundus, hat in vielen Haupt- und Nebenrollen gespielt und ist Urgestein der Volksschauspiele Ötigheim, Hannes Beckert.

Aber selbst so ein altgedienter Theatermann kann immer noch Neuland betreten und Hannes Beckert macht das derzeit mit der Inszenierung der Boulevardkomödie Otello darf nicht platzen. Als die Verantwortlichen der Volksschauspiele an mich herangetreten sind, ob ich diese Komödie nicht für die ‚Kleine Bühne‘ einstudieren würde, wollte ich zuerst einmal das Stück lesen, so der Regisseur.

Es hat ihm gefallen und war gleichzeitig eine große Herausforderung, denn Otello darf nicht platzen, aus der Feder des amerikanischen Dramatikers Ken Ludwig, wurde zwar erst 1986 uraufgeführt, avancierte aber schnell international zum Publikumsliebling. Es wurde bereits in 25 Ländern gespielt, in 16 Sprachen übersetzt und stand allein im Theater in der Josefstadt Wien mit Otto Schenk in der Hauptrolle 18 Jahre auf dem Spielplan.

Eine hohe Messlatte, die Hannes Beckert aber nur dazu animierte, sich mal die eine oder andere Inszenierung vorab anzuschauen, um dann für sich seinen eigenen Weg zu finden. Ich wollte keine schenkelklatschende Inszenierung. Natürlich sollte das Publikum gut unterhalten nach Hause gehen, aber er müsse hinter der ganzen Sache auch stehen. Feine Ironie, Situationskomik und humoristisch versteckte Alltagsweisheiten benötigen den derben Klamauk auch nicht, um zu wirken, vor allem wenn die Inszenierung so zügig und temporeich umgesetzt wird wie von dem Ensemble, das Hannes Beckert um sich geschart hat.

Die Truppe ist eine gute Mischung zwischen erfahrenen und jungen Schauspielern, sagt er, und dass sie seine Ideen aufnehmen und umsetzen. Allerdings sei er auch die Art von Regisseur, die den Schauspielern eine gewisse Freiheit lassen, wie sie ihre Rolle anlegen.

Er ist überzeugt, dass dann, wenn sich ein Darsteller damit identifizieren kann, was er da auf der Bühne tut, die besten Ergebnisse herauskommen. Und das Ergebnis gibt ihm recht: Ganz schnell wird der Theaterbesucher in das Geschehen hineingezogen und findet sich in der noblen Suite eines Hotels in Cleveland, Ohio, wieder, wo der Operndirektor Saunders (Kurt Tüg) zusammen mit seiner rechten Hand Max (Tobias Kleinhans) auf das Eintreffen des großen Merelli (Paul Hug) wartet, ein gefeierter italienischer Operntenor, der an diesem Abend zum ersten Mal in der amerikanischen Provinz auftreten wird.

Es soll die Krönung der Laufbahn des Impresarios werden und entsprechend aufgeregt warten alle, vom musikbegeisterten Pagen (Lukas Tüg) bis zur Opernsängerin (Anna Hug), auf dessen Eintreffen. Begleitet wird er von seiner eifersüchtigen italienischen Frau Maria (abwechselnd gespielt von Isabel Beckert und Lissi Hatz), der die amourösen Abenteuer ihres Gatten mit weiblichen Fans ständiger Anlass sind, ihr leidenschaftliches Temperament auszuleben. Dazu kommt noch die hübsche und eigenwillige Tochter (Anna Beckert) des Operndirektors, die Vorsitzende der Operngilde (Petra von Rottberg) und das Spiel kann beginnen – mit der Arie La Donna è mobile aus Verdis Rigoletto, die im typisch schnarrenden Schellackplattensound Nostalgie-Atmosphäre versprüht. Atmosphäre, gestalterische Farben und die Liebe zur Sprache – Hannes Beckert liebt die Klassiker –, dazu kleine Details, die der Zuschauer gar nicht bewusst wahrnimmt, die aber die stimmige Inszenierung ausmachen – das Premierenpublikum erwartet am 2. Februar ein genussvoller Theaterabend bei der Kleinen Bühne Ötigheim. (Martina Holbein)

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